Wien-Splitter 6: Patrouille im Paartanz (1)

Paula 25.10.2009

Man sieht es ihm nicht auf den ersten Blick an, aber der Punschkrapfen ist ein biologisch äußerst intelligentes Gebäck. Seiner Umwelt gegenüber aufgeschlossen und religiös unbelastet, hat sich das würfelförmige Biskuitgebäck früh mit Darwin auseinandergesetzt und in seine persönliche “survival of the thickest”-Lebensstrategie integriert. Will heißen: In Zeiten zunehmender Schlankheits- und Gesundheitsprioritäten seiner Umwelt versteckt der Punschkrapfen seine eigentlich untergangsgeweihte Mischung aus Zucker, Sahnecreme und Alkohol unter einer möglichst dicken Zuckergussglasur, deren süße Bonbonfarbe derart unschuldig aus der Bäckerei- oder Caféauslage lugt, dass niemand ernsthaft und langfristig an eine echte Bedrohung für Hüfte und/oder Nüchternheit denkt. Auf diese Weise wahrt der Punschkrapfen seine Stellung als Nachmittagsgebäck, Zwischendurchsnack und veritablen Frühstücksersatz bereits seit mehreren Jahrhunderten – auch und vor allem wegen des pinkfarbenen Ablenkungsmanövers.

In mancherlei Hinsicht ist der Punschkrapfen das pars pro toto Wiens. Denn auch in der gesamten Stadt muss niemand den eigentlichen Übeln ins Auge blicken, wenn er nicht unbedingt danach sucht. Wien ist entgegen ausländischer (= deutscher) Vorurteile keine blasierte, sondern eine glasierte Stadt: Alle Unannehmlichkeiten, denen man sich in anderen, so genannten “Metropolen” ausgesetzt fühlt, werden hier mit einem süßen Guss aus verbaler Abwiegelungstaktik, offener Freundlichkeit oder taktisch geschickten Ausweichstrategien überzogen, so dass kaum ein Adjektiv so häufig von Gästen und Touristen in den Mund genommen wird, wie das Wort “gemütlich”.

“Gemütlich” ist es in der allgemeinen Wahrnehmung selbst dann, wenn man eine halbe Stunde für einen Tisch im Café Central anstehen muss, sich durch die Menschenmassen am Stephansdom schiebt oder von verkleideten Mozarts auf die selbstredend “authentischen” Stadtführungen eingeladen wird. “Gemütlich” ist ein ganz normaler Gang von U-Bahn zu U-Bahn-Station, “gemütlich” ein Coffee to go in der überfüllten Kärntner Straße, “gemütlich” ein schicker Abend im Burgtheater. Das Beste daran: Es stimmt tatsächlich. Neben all den positiven Dingen, die einem in dieser Stadt sekündlich vor die Nase fallen, wirken die negativen Details ohnehin wie Nadelöhre im Heuschuppen, und selbst diese werden durch die selbstreinigenden Kräfte der Stadt sofort durch etwas Angenehmes übergossen. Wer kurz davor ist, die Ausdünstungen der Pferde-Hinterlassenschaften als unangenehm zu empfinden, wird kurz darauf von einem besonders prächtig lackierten Fiaker überholt, wer die verblichenen Gardinen einer offensichtlich nicht ganz so schönen Wohnung bemerkt, wird sofort durch die nichtsdestoweniger prächtige Altbaufassade abgelenkt, wer sich durch die Preise in Sacher, Demel und Co. kurzfristig abkassiert fühlt, bekommt durch kostenlose Broschüren und beschichtete Edeltüten die alles entschuldigende “Tradition” vor Augen geführt. Selbst das Wetter spielt meistens mit: Kaum ein Tag, an dem es wirklich von morgens bis abends regnet; fast immer schiebt sich am Morgen, am Abend oder zwischendurch eine Sonneninsel dazwischen, die mit einem Blick auf die blitzend weiße Fassade der Hofburg den Verlust eines Regenschirms und einer sichtbaren Frisur im vorangegangenen Sturm vergessen lässt. In Wien, so scheint es, gibt es keine schlechte Laune, keinen Stress, keinen Streit. Und wer sich auf die Stadt einlässt, der weiß zwar, wie auch beim Biss in den Punschkrapfen, dass da irgendwo Hüftspeck und Herbstdreck lauern, doch schon lange vor der Einnistung dieses Gedankens hat die Zuckergusseuphorie sämtliche krisensensiblen Gehirnregionen bis zur Unbenutzbarkeit überzogen und lächelt selig.

Und nur ganz selten, im österreichischen Volkswitz, wird dem Punschkrapfen diese heitere Paradiesnähe genommen. Dann munkelt man sich zu, der Punschkrapfen sei so ein bißchen wie die ewiggestrigen Österreicher, die bierhebend im Beisl das Jahr 1938 zurückwünschen: “Außen rosa, innen braun und immer ein bisschen betrunken.” Aber das passiert, wie gesagt, ganz ganz selten.

Wien-Splitter 5: Freie Fahrt für freie Werbung

Paula 04.10.2009

Überzeugte Motorisierungsfans und Wandermuffel können ihre Abwehr fußgestützter Erkundungstouren durch Wien mit dem Hinweis auf den 18. Februar 1853 wunderbar rechtfertigen. An diesem Tag wurde sozusagen der Vorläufer aller Dolchstoßlegenden in die blutige Tat umgesetzt, als Kaiser Franz Joseph I. bei einem gemütlichen Gang durch die Kärntnertor-Bastei von einem ungarischen Schneidergesellen hinterrücks angegriffen wurde und nur durch das beherzte Eingreifen seines Adjutanten und eines Fleischhauers vor einer spitzfindig-tödlichen Stichverletzung bewahrt werden konnte. Trotzdem: Die Wunde am königlichen Hinterkopf war seitdem der blutige Beweis der unsportlichen Tatsache, dass Spaziergänge durch Wien tendenziell viel zu gefährlich sind.

In den Zeiten vor Inflation und Weltwirtschaftskrise war die glückliche Rettung des damals 22jährigen Kaisers mit ein paar lumpigen Verdienstorden und Adelstiteln für Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef Ettenreich, mit einer kleinen Hinrichtung und einem mickrigen Staatsbankett als Ausdruck durchlauchter Dankbarkeit natürlich nicht abgegolten. Sooo viel mehr Geld hatte man zwar auch damals nicht, aber der noch nicht in fast panikhaften Kirchenaustritten zerstreuten Christengemeinde konnte die Notwendigkeit eines deutlich größeren Gunstbeweises an ganz Oben noch argumentativ zwingender vermittelt werden. 300.000 dankbare Wiener Bürger spendeten schließlich genug, um ein neues Gotteshaus namens “Votivkriche” aus dem Boden zu stampfen – noch heute ein fremdwortlastiger Eigenname, der Reiseführerverlage mit Dankbarkeit erfüllt, weil er sich auf dem ohnehin schon eng beschriebenen Stadtplan in DinA5-Größe deutlich besser einfügen lässt als “Weihegeschenkkirche” oder “Dankbarkeitsbekundungskirche”.

Heute, gut einhundertsechsundfünfzigeinhalb Jahre später, ist “eines der bedeutendsten neugotischen Sakralbauwerke der Welt” (Wikipedia) auf dem besten Weg, der krisengeschüttelten Außenwelt auch weiterhin Hoffnung zu geben. Gut, der Kaiser wohnt jetzt bei Bayern, die Spenden werden von Tsunamis aus dem Land gespült, und Afghanistan und Gammelsteaks haben auch das Vertrauen in früher ehrenwerte Berufe wie Adjutanten oder Fleischhauer deutlich erschüttert. Trotzdem gibt es etwas, was wir aus dem Attentat heute noch lernen können: Das Auto ist die sicherere Alternative. Dies scheint den katholischen Verantwortlichen in der österreichischen Hauptstadt derart wichtig zu sein, dass sie – ohne extra auf ein Jubiläumsjahr zu warten – die Lehren des Dolchstoßes säkularisierend unter die Leute bringen wollen. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich die Automobilindustrie eine Werbefläche anmieten konnte, bei der sich selbst gotteslästernde Architekturverächter verwundert die Augen reiben: Direkt an der Fassade, meterhoch, mit besten Blick auf eine der größten Straßenbahnhaltestellen nahe des 1. Bezirks: das Schottentor.

Sieben Jahre Garantie (gegen Attentate, möchte man hinzufügen), bietet der schicke Neuwagen, und verschweigt damit geflissentlich, dass ein anderer österreichischer Franz mit angeblicher Attentatsicherheit bei Autoausflügen 1914 recht schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber das war schließlich nicht in Wien, sondern in Sarajevo, und so müssen sich die katholischen Kirchenplakatierer lediglich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie der Automobilindustrie die weihe- und würdevolle Sakralfassade zu deren verzweifelten Opferung sechs(?)stelliger Summen überlassen hat, um sich am Auspuff noch irgendwie aus der Krise zu ziehen. Geschichtlich passender wäre natürlich eine Werbeanzeige für Nackensteaks, wobei unterm Glockenturm noch Platz für’s österreichische Bundesheer wäre. Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef hätte es gefreut.

Wien-Splitter 4: Chronik einer Casting-Show

Paula 19.09.2009

Wer jemals als Lokaljournalistin auf Kaninchenzuchtwettbewerben seiner Arbeit nachgehen musste, hat in Discos häufig frappierende Parallelen festgestellt. Zwar sind es nur die primitivsten Wunschtraum-Womanizer, die mit einem gepflegten Griff an die Hinterbacke des Gegenübers gleich zu Beginn prüfen wollen, ob speckmäßig auch alles mit rechten Dingen zu geht oder sich innerlich Notizen zu Mümmelmanieren und Fellglanz machen. Trotzdem ist die Grundsituation der Fleischbeschau prinzipiell dieselbe, auch wenn man das anerkennende Kopfnicken innerhalb autobahn-betitelter Großraumdiskotheken in einem maschinengewehrartigen Takt machen musste, zumindest in den 90ern, als überdimensionierte Scheinwerfer den Himmel über “Wonderland One-Night Stand” hell erleuchteten und innendrin wahlweise wummernde Maschinengewehrbeats oder schwer erträgliche Nasshaarfrisösen die Notwendigkeit des Besaufens evident werden ließen.

Heute hat sich die Einstellung nur rudimentär geändert. Die BPM sanken in vergleichbarer Schnelligkeit, wie Getränkepreise und englische Vokabeln nach oben gingen. “Abgedanct” werden soll jetzt immer noch, aber natürlich auch “gechillt” und gesetzt wird sich nicht mehr in den “Apfelbaum”, sondern in eine “Clublounge”, wo viel Electro und nichts mehr Techno ist. Am Wichtigsten ist aber natürlich die “hotte Location”, und Wien hat diesbezüglich noch einmal ganz andere Möglichkeiten.

Das wird mir klar, als ich mit einer Gruppe Wiener im “Roten Salon” lande, einem Miniclub oberhalb des Volkstheaters, wo man beim Hinaufsteigen der weitläufigen Stufen angsterfüllt die Frage im Kopf rotieren lässt, wie in aller Welt man auf den Marmorstufen stilvoll die Zigarette ausbekommt. Den abgekühlten Glimmstengel versteckend in der hohlen Hand haltend, bezahle ich meine humanen 5 Euro Eintritt und laufe im Tanzsaal erst einmal gegen eine Wand. Wie lächerlich von mir, anzunehmen, im “einzigartigen Ambiente zwischen Marmor, Stuck, Chic und Samt”, wie es die Internetseite beschreibt, dürfe man nicht rauchen! Stattdessen wird dem massiven Kronleuchter im ca. 60 Quadratmeter großen Rondell ordentlich eingeheizt. Um die recht kleine Tanzfläche stehen rote Samtsessel an kleinen braunen Tischen, beim Blick nach oben fühlt man sich mehr als 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Wandgemälde, Scheinarchitekturen, Theaterlampen – unwillkürlich hält man nach weißgepuderten Theaterperücken Ausschau, die sich eigentlich unter die Gäste gemischt haben müssten und gleich ein kleines Kammerkonzert spielen..

Auch ansonsten ist alles ein bißchen anders. Die Musik kommt nicht von Band, sondern von einem bemerkenswert guten DJ. Die Getränke sind gnadenlos überteuert, natürlich, aber es wird neben Flaschenbier und Long Drinks auch eine respektable Weinauswahl geboten. Die Fleischbeschauer haben sich karierte Hemden angezogen und wirken dadurch erst auf den 2. Blick primitiv. Und Menschen verwickeln einen nicht in horizontale, sondern kunsthistorische Gespräche: “Sag mal, weißt du, was dieses Gemälde dort oben bedeuten könnte?” Um zwei Uhr morgens eine stark überfordernde Frage, und kurze Zeit später auch Makulatur. Denn ab viertel nach zwei drängt alles auf die kleine Tanzfläche, nach oben schaut keiner mehr. Einzige Blickrichtung, wenn man nicht ins Dekolléte der netten Brasilianerin schauen oder den Stierblick des Möchtegern-Toreros mit spanischen Zimmerpflanzen erwidern möchte: die Bar. Dort hat sich eine solch illustre Runde an Stereotypen eingefunden, dass man nicht umhin kommt, sie als gecastete Werbefiguren zu charakterisieren. Von links nach rechts: ein ergrauter langhaariger Sakkoträger, Typ Theaterdirektor, der an einer dicken Havanna zieht, zwei Mittvierziger-Touristinnen mit Minirucksack auf dem Rücken, die sich verirrt haben, aber nun das Beste draus machen wollen, ohne aufzufallen, John Travolta aus guten alten “Grease”-Zeiten, der sich selbst bei 30 Grad Innentemperatur nicht von seiner schwarzen Kurzlederjacke trennen will, drei Quotentussis mit Paillettenkleidchen und High Heels, eine abgehalfterte Opernsängern mit leichten Tränensäcken, die im Gegenstaz zu den Vorgenannten niemanden zum Bezahlen ihrer Drinks findet, und zwei Manager in Dreireihern, die sich am Ende wohl doch für die Edelprostituierten an der Hotelrezeption einschreiben werden.

Auf der Tanzfläche tummelt sich dagegen das Normalvolk ohne Schlips und Stola. Ab drei wird hier langsam die finale Balzrunde eingeläutet, viel Zeit hat man abzüglich Abtanzen, Klarfahren und Heimbringen schließlich nicht mehr. An die Bar kommt Bewegung. Hier in der Mitte, so wird deutlich, lauern die einzigen Möglichkeiten, mehr als einen Stock im Hintern mitzunehmen. Einige Manager trennen sich von ihren Jacken und geben einmal die Galavorstellung von “Hemdgorilla in Espresso-Ekstase”. Eine Tussi hängt sich an John Travolta dran, die anderen beiden stehen nippend und wippend an der Tanzfläche und trauen sich noch nicht so recht, in den für sie eigentlich viel zu niveaulosen Waberteppich aus Jeans und T-Shirts einzutauchen. Die Opernsängerin ist verschwunden, dafür taucht am Ende der Bar tatsächlich Indiana Jones auf. Gerade eben vom Straßenkampf gegen Nazis und Ratten nach oben gekommen, zieht er sich den Hut ins Gesicht und bestellt ein Bier. 3,90 Euro – aber was soll’s, wird sicherlich von der Castingagentur bezahlt.

Um halb vier sind die Würfel gefallen und viele Tänzer im Aufbruch. Aber auch einige erfolgreiche Vertragsverhandlungen gibt es knutschend zu bestaunen, das Kronleuchterlicht verleiht dem Ganzen fast etwas Romantisches. Nach erfolgreichem Feierabend ist die Bar verwaist; die Castingmimen sind nach Hause gegangen. Zurück bleibe ich mit dem Rest des Normalvolks und eine um sich selbst drehende Frischgetrennte, deren sich verzweifelt amüsierende Gesichtszügen sie verraten. “Hammermusik, was?!?”, brüllt sie mir ins Ohr, nachdem der DJ gerade mehr als deutlich einen Gang runtergeschaltet und die Rausschmeißermucke eingelegt hat. Ich nicke. Besser nicht verunsichern, in ihrer Situation. Wir unterhalten uns noch kurz, dann ist es aber besser für mich zu gehen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie den Werterichterblick in meinem Journalistenauge bemerkt, der wissend nur eine Aussage sendet: Nenenene Bunny, das wird heute nix mehr.

Wien-Splitter 3: Der Sockenbär

Paula 18.09.2009

Leben an sich ist äußerst unwahrscheinlich. Auch wenn sich Forscher und Theologen immer noch streiten, wie genau die Erde als bewohnbarer Planet mit einem schier unvorstellbaren Artenreichtum entstanden ist, in einem sind sich irgendwie doch alle einig: Voll krass, das alles hier. Krass, weil eigentlich vollkommen unwahrscheinlich. Und vielleicht gerade deshalb so schön. Jedenfalls ist es menschlich, alles, was selten ist, mit besonderer Genugtuung oder Faszination zu betrachten. Vierblättrige Kleeblätter. Neue Nessie-Fotos. Achtlings-Geburten. Perfekte Bügelwäsche. Und wer so etwas Seltenes erlebt, der ist für kurze Zeit etwas Besonderes. Vor allem vor sich selbst. Manchmal aber auch für Andere.

Seit gestern trägt mich eben diese Hoffnung. Die Hoffnung, das Schmach, Scham und Häme des vergangenen Abends nicht umsonst waren, weil sie mich in den Augen der in Deutschland Zurückgebliebenen (selten war die Ortsangabe zur Verhinderung empörter Kommentare so wichtig) emporheben werden aus den gelangweilten Niederungen einer Generation (1980+), die bis auf den Mauerfall, bei dessen Fernsehübertragung (Tagesschau) sie eigentlich schon im Bett sein musste, nichts Spannendes in ihrer Biographie vorweisen kann. Doch gestern ist das seit Cordoba eigentlich Undenkbare passiert: Ich war in Wien, als eine deutsche Bundesliga-Mannschaft 3:0 gegen Rapid verlor – die Mannschaft also, die ihre Erfolge bislang fast ausschließlich im eigenen Land suchen musste und sich gerade auf das baldige Ligaspiel gegen Kapfenberg vorbereitet. Nun muss man fairerweise sagen, dass Österreich wahrlich nichts dafür kann, nach 1941 nicht noch einmal Deutscher Meister werden und uns Langnasen damit den fußballerischen Königsweg weisen zu können. Trotzdem dünkt der Wahlspruch “Rapid marschiert, Wien regiert, ganz Europa wird paniert”, der auf großen Bandentransparenten im Stadion aufgehängt worden war und nun auf der Vereinshomepage, noch ganz im verbalen Siegestaumel, auf den HSV umgemünzt wird (http://www.skrapid.at/8758.html), etwas übertrieben, aber: Seltenes muss man auskosten, Unwahrscheinliches zelebrieren.

Getan wird das an diesem Abend mit “Sturm”, dem österreichischen Pendant zu Federweißer, der die Auswirkungen auf die Abendstimmung und den Magen-Darm-Trakt auch am treffendsten ausdrückt. Für 2 Euro das Glas läuft das wie geschmiert, und da die Österreicher Rauchverbote in Kneipen für absoluten Mumpitz halten, ähnelt der Gastraum binnen kürzester Zeit einem wabernden Hexenkessel, in dem den deutschen Gast unter der eigentlichen Landbevölkerung (”Die Stadtwiener sahn jo gaaanz anders wie mier!”) mehrfach das Gefühl der dolmetscherischen Unterbelichtung beschleicht, sich und sein Sprachkompetenzzentrum schließlich einem ebenfalls am Tisch sitzenden Australier zuwendet und über die einfache Hörverstehensübungen des Englischen erleichtert ist.

So einfach gibt der Österreicher aber nicht auf. Über Trinksprüche, für die man erschreckend oft aufstehen muss, nähert man sich an die eigentliche hohe Kunst jedweder neuen Sprache an: die Spezialausdrücke. Fruen ködert man dabei nicht mit Auto/Motor/Sport-Begriffen, sondern mit Niedlichem, Tierausdrücke zum Beispiel. Stimmt. Als ich “Söckibär” höre, bin ich begeistert und lernbereit. Der Sockenbär ist ein österreichischer Bauernkinderbegriff für “Schaf”. Ob ich denn auch einen besonderen deutschen Ausdruck für Tiere hätte, fragt mich der österreichische Nachbar und bestellt mir noch einen Sturm mit. Ich überlege. Keine Erleuchtung. Selbst heute, am Tag danach, bin ich ratlos. Höchstens einen besonderen deutschen Ausdruck mit einem Tier. Aber auf Kater komme ich auch erst am nächsten Morgen.

Wien-Splitter 2: Unter Narren

Paula 16.09.2009


Eines muss man den Mitarbeitern im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum lassen: Mit Atmosphäre kennen sie sich aus. Wer einmal halb um das kreisrunde, bunkerähnliche Gebäude herumgelaufen und durch das kleine Eisentürgitter getreten ist, wird von einem niedlichen Piercing-Hobbit mit schwarz umrandeten Augen begrüßt. “Smokey Eyes” würde man ja sagen, wenn einen der weiße Medizinerkittel nicht jegliche Modegedanken aus dem Kopf schlagen würde. Der Studi ist unglaublich nett, auskunftsfreudig und lächelt gerne. Das macht das gleichzeitige Nesteln an seinem Kittel irgendwie noch unheimlicher.

Sein Kollege im Innenhof, Herr Winter, hat die Schminke weggelassen und sich dafür einen halslangen Ziegenbart wachsen lassen. Sein weißer Medizinerkittel sieht abgetragen aus, und unwillkürlich sucht das Auge nach frischen Blut- und Eiterflecken, die von der letzten Operation ohne Strom herrühren. Das Pathologisch-anatomische Institut wurde schließlich ursprünglich im 18. Jahrhundert als eine der ersten europäischen Nervenheilanstalten konstruiert, wo sich Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern mit allem nötigen Know-How der Zeit (Kälte tut Irre(n) gut, also immer schön durchlüften und Eiswasserkuren verschreiben) der operativen und inoperablen Behandlung ihrer Schützlinge widmeten. Wäre nicht die kleine, verfängliche Zweitbezeichnung “Narrenturm”, man könnte glatt denken, es sei damals mit rechten, ethischen Dingen zugegangen.

So bleibt eher die Eiter- und Blut-Phantasie im kreisrunden Innenhof stehen, während Herr Winter hier einen kleinen historischen Überblick verschafft. Neben zwei Studis und einem einem Tochter-Mutter-Gespann fällt sofort ein saarländischer Touri auf, der sich vor der Führung noch schnell mit einer BILD-Zeitung auf den Schmodder der nächsten Stunde vorbereitet hat. Kaum in den Ausstellungsräumen angekommen, stürzt er sich visuell und leider auch verbal auf das erste “Feuchtpräparat”, wie Herr Winter das glibbrige Leichenüberbleibsel im Formaldehyd betitelt. Zu sehen: Eine Lunge nach Tuberkulosebefall. Ui. Für einen Nichtmediziner, als der sich Herr BILD sofort outet (”Guggemo do! Tu-Per-Kuh-Lohse. Steht do!”) könnte das ganze auch ein etwas derangiertes Sandbild sein, das man im Sommerurlaub kaufen kann. Obwohl….dafür ist die Atmosphäre wieder zu gut gemacht. Die ohnehin kleinen Zellen (28 pro Stockwerk - wenn da mal nicht wieder die Freimaurer dahinterstecken, wie Herr Winter als mögliches, wenn auch unwahrscheinliches Mystik-Sudoku in den Raum stellt) mit weiß verputzen Wänden, davor einfache weiße Blechregale mit alten, dickwandigen Gläsern in klein, groß, riesig und vergilbter Ausführung, dazu die Aufkleber mit der alten Tintenschrift, wie man sie aus historischen Apotheken kennt.

Trotzdem: Die ausgestellten Krankheiten kennt man vom Namen, nicht jedoch vom organischen Erscheinungsbild. Also ist Zuhören und Phantasie-Ekeln angesagt. Anstrengend nur bis zu dem Punkt, an dem man in den Flur und damit zu den Gummipräparaten kommt, alle von (gerade noch so) lebenden Vorbildern abgegossen und naturecht bemalt – zum Teil noch am Krankenbett, wie Herr Winter freudestrahlend erzählt. Vorbei geht es also an diversen Geschlechtskrankheiten, an Schuppenflechten, Missbildungen, offenen Gesichtswunden und Wundbränden. Klar, dass Mr. BILD da sofort seiner geheimen Berufung nachgeht: Ekel? Schicksale? Schockmomente? FOTO!

Die Reaktion lässt kaum bis nicht auf sich warten, und wäre die Anstalt nicht schon seit fast 150 Jahren außer Betrieb, man hätte Angst um sein Leben in den Fängen der heran eilenden, natürlich ebenfalls weißbekittelten Aufsichtsschwester gehabt. “HERR WINTER! SAGEN Sie Ihren Gästen, dass NICHT FOTOGRAFIERT werden darf!!!!!” Selbst Herr Winter zuckt leicht zusammen und eilt flüchtend zu den Skeletten und Trockenpräparaten. Dort zu sehen: Der Magen einer psychisch kranken Frau Mitte Zwanzig, die, um sich selbst Schmerzen zuzufügen, jede Menge Nägel und Schrauben verschluckt hat, welche dann, unverdaut und eingeweidefeindlich, zum frühen Tod durch innere Blutungen geführt haben. Jetzt bloß keine Empathie aufkommen lassen! “Hauptsache, es schmeckt”, blökt der kamera-amputierte Saarland-Sympathieträger und kramt sich sein Lachen tief aus dem Hals raus. Bei den Ganzkörperpräparaten – Kinder ohne Gehirn und Schädeldecke, Embryonen, eingeklemmt von einem Magentumor, siamesische Zwillinge mit nur einem Kopf – ist er endlich im Gafferhimmel angekommen. Die Kamera wird nervös in der Jackentasche von links nach rechts geschoben. Ausweichmanöver: Extensives Lippenbefeuchten. Himmel, wie eklig.

Wieder auf dem halbrunden Innenhof angekommen, müssen die Bilder von aufgequollenen Babykörpern und spuckenassen Männerlippen erstmal abgeschüttelt werden. Unwillkürlich kommt Freude über die Tatsache auf, dass Tuberkulose, Syphilis oder Hautkrankheiten heutzutage heilbar sind und man nicht unter Umständen jahrzehntelang mit immer schlimmer werdenden Missbildungen umherlaufen muss. Ein Stoßseufzer in Richtung moderne Medizin steigt auf. Da meldet sich Herr BILD zu Wort, die angezündete Kippe schon drei Sekunden nach Verlassen des Turms im Anschlag.  ”Jaaaaaaaaaaaa”, holt er aus, “aber heutzutage ist auch nicht alles gut. Das Gesundheitswesen….ich hatte vor Jahren eine schwere Operation, und da haben die noch nichtmal nach meiner Blutgruppe gefragt! Legen mir da einfach Gruppe 0 negativ hin!” Hm, wagt der Medizinlaie in mir den Einwurf, aber geht das nicht mit jeder Blutgruppe konform? “Jaaaaaaaaa, aber darum geht es nicht! Sie haben ja nichtmal gefragt! Und ALS sie dann gefragt haben, da hab’ ich zu ihnen gesagt: ,Nene Jungs, das sag ich euch nicht, ihr nehmt mir jetzt mal schön Blut ab und schaut selber nach!’ Tja, es läuft eben auch bei uns nicht alles rund!”

Eine Diskussion über die unterschiedliche Verhältnismäßigkeit von Gesichtswucherungen und Universalblutkonserven erscheint ab diesem Zeitpunkt sinnlos. Dafür steigt eine andere Frage in mir auf, während ich mir im Innenhof die Ausführungen des freundlichen Boulevardrauchers anhöre: Warum genau heißt das hier nochmal Narrenturm?

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