Tragische Trägheit
Paula 13.06.2007
Entgegen anders lautender Maximen in Dale Carnegie-Büchern und Sendungen mit Nina “Alles wird gut” Ruge lohnt es sich, über Tragik nachzudenken. Und wer es sich leisten kann - sei es, weil er im kontemplativen Sinnieren über die Kurzlebigkeit aufgeschlagenen Milchschaums oder die sich veräußernde Inhaltlosigkeit von Dschungelcamp-Bewohnern bereits am Ende des kognitiv Möglichen angelangt ist, sei es, weil sich die wahre menschliche Havarie bei aller vorauseilender Überlegung nicht verhindern lässt, wie man an der alljährlich sich wiederholenden Entrüstung gegenüber der angeblich qualitätsblockierenden Punktlandungen des Grand-Prix-Ostens oder der quantitätsorientierten Scheckladungen sich selbst abfindender Firmenchefs sieht - ja, wer es sich dann noch leisten kann, der geht über den begrenzten Kosmos humaner Miseren hinaus und widmet sich den tierischen Tragiken des Lebens.
An einem solch denkwürdigen Tag menschlicher Selbstveräußerung im Freundeskreis kam es zur Imagination folgender Szenerie: Eine Schnecke möchte eine Straße überqueren - warum, soll an dieser Stelle angesichts ähnlicher Kausalbetrachtungen über Hühner, die sich meist im halbgaren Zitieren populärer Theorien toter prominenter Wissenschaftler erschöpften, übergangen werden. Auf langer gerader Strecke sieht sie in einiger Entfernung ein sich langsam, aber stetig näherndes Auto. Begründet in der dramatischen Koinzidenz physischer schleimbedingter Langsamkeit und psychischer, instinktbedingter Wachsamkeit wird die Schnecke demzufolge eine kleine Ewigkeit von circa einer halben Minute in der Sicherheit des kommenden Unglücks ausharren müssen, ehe sich das unbarmherzige Profil des Todes (der Sensenmann aus den guten alten Legenden kommt, wie mir ein um seine Nutz-und Blühpflanzen besorgter Hobbygärtner vor einiger Zeit an anderer Stelle verkündete, nur noch bei Gartenschnecken vor - wenn auch hier mit dem insbesondere für die Überlebenden unansehnlichen Pech, dass nicht nur der Lebensfaden, sondern gleich der gesamte Schneckenkörper durchtrennt wird) wie ein Stempel auf ihr nacktes Dasein drücken wird - in welchem sie mit einiger Verzweiflung noch bestenfalls 25 Zentimeter mit sich voran gekommen sein wird.
Dieser wahren Tragik scheint man von Menschenseite bislang kaum das ihr eigentlich zustehende Interesse gewidmet zu haben - und das obwohl die Schnecke an und für sich dem Menschen in vielen Bereichen ähnlich ist. Allein ihre Vorliebe für Bier und Lethargie lässt sie vielen unseren samstäglichen Frühschoppern und arbeitsunfähigen Erkältungsopfern an Brückentagen ähnlicher werden, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und auch die von Sexualwissenschaftlern ins Feld geführte zwitterhafte Geschlechtslosigkeit der Schnecke ist in Zeiten von Metro- und Transsexualität kein fundamentales Unterscheidungsmerkmal mehr. Dass bislang dennoch keine Schnecke eine Karriere im Pornogeschäft machen konnte, vermag jedoch nur auf den ersten Blick zu erstaunen. Schließlich zeigt das obige Beispiel, dass bei den Weichtieren der Geist willig und das Fleisch schwach ist - in Sexfilmen sind genau genau die umgekehrten Qualitäten gefragt.