Das Göttliche in der Handtasche
Paula June 12th, 2007
Es gibt Nachrichten, die uns beruhigen. Sie rücken unser Weltbild wieder gerade, indem die Bösen bestraft und die Guten belohnt, die Ungerechtigkeit bekämpft und der Frieden befördert, Idealismus gelebt und Egomanie unterdrückt wird. Sie lassen uns daran glauben, dass wir nicht nur die berüchtigte Bestie in Menschengestalt sind, sondern - die einen mehr, die anderen nicht zuletzt wegen der fantastischen Fortschritte plastischer Chirurgie weniger - Menschen in Bestiengestalt sind, die gar nicht so niederträchtig sind, wie uns die nach außen schockierten Kommentatoren medialer Moralinstanzen glauben machen. Und sie bestärken uns in der Annahme, dass die Welt selbst in Zeiten des gelebten Atheismus einen göttlichen Funken atmet, der die ihr innewohnende Werkgerechtigkeit immer wieder einmal aufblitzen und an ihren, in ferner, aber existierender Zukunft sich durchsetzenden Kampfgeist glauben lässt.
Ja, solche Nachrichten gibt es. Und wer glaubt, dass ihre große Zeit seit dem Fall der Berliner Mauer oder der Enttarnung Milli Vanillis vorbei sei, wurde dieser Tage wieder eines Besseren belehrt. Nach Wochen heftiger Diskussionen, pseudo-empirischer Bürgerbefragungen und grenzüberschreitender Empörung über die sexuelle Orientierung der Teletubbis ist Polens Kinderbeauftragte Ewa Sowinska nun zu einem Ergebnis gekommen, dessen Kernaussage msn.com in den bedenkenswerten Satz goss: “Tinky Winky ist nicht schwul und darf seine Handtasche behalten.”(1. Juni 2007) Die Stoßrichtung der bewundernswert aufmerksamen Psychologin, die sich gemäß ihrer berufsbedingten Toleranz und Menschenkenntnis bereits einige Tage zuvor für ein generelles Berufsverbot für Homosexuelle ausgesprochen hatte, die Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben, zielte also auf den liebenswert lilafarbenen Vertreter der stets gutgelaunten Plüschtruppe, der zusammen mit seinen vier Brabbelbrüdern in einem stark simplifizierten Auenland fern jeglicher weltlicher Problembehaftung lebt. Wobei genau in dieser Bruderschaft der Knackpunkt für Sowinska lag: “Ich habe bemerkt, dass Tinky Winky eine Handtasche trägt, aber mir war nicht bewusst, dass er ein Junge ist. Später habe ich erfahren, dass da ein homosexueller Zusammenhang verborgen sein kann.”
Diese Schlussfolgerung ist für den unbedarften Laien zunächst einmal von höchst erinnerungswürdiger Alltagstauglichkeit. Merke: Männer in purpurfarbener Fleidung mit Reflektoren auf der Brust, die sich lustige Hüte aufziehen, den ganzen Tag umhertanzen, singen und Handtaschen tragen, könnten in homosexuellen Zusammenhängen stehen. Dennoch hat Sowinska dabei ein wichtiger Punkt übersehen, die die Gefahr der kindlichen Geschlechtsentwicklung wieder in entscheidendem Maße mindert: Die Zielgruppe der 0 bis 3-Jährigen, die in ihrem überbordenden Streben nach ersten sexuellen Orientierungspunkten selbstredend den homosexuellen Subtext von Männern mit Handtaschen verstehen und für sich annehmen, bemerken jedoch im gleichen Gedankenzug die parallel-unbewusste Nebeninformation der Farbe Lila: Nämlich dass dieser Kerl dort im Fernsehen zwar schwul, aber auch sexuell unbefriedigt ist - und auch diesen mehr als glücklosen Zustand auf die Handtasche zurückzuführen, ist mehr als nur naheliegend. Und in dem Moment, in dem das Kleinkind daher für sich beschließt, die Finger von Handtaschen zu lassen, entschwindet auch das Liebes- und Leibesmartyrium der Homosexualität - denn so erschreckend einfach laufen nun einmal die menschlichen Erotikentwicklungen ab.
Unabhängig obiger Entwarnungsversuche mag jedoch die Frage erlaubt sein, ob Tinky-Winky wirklich ein Mann ist. Im Zuge des menschlichen Bestrebens nach Ausgeglichenheit zumindest in der fröhlich-bunten Welt psychodelischer Kinderunterhaltung wäre eine geschlechtsäquivalente Ausrichtung der vier Teletubbies viel wahrscheinlicher - zumal just zwei der grenzdebilen Kicherflummis längliche Phallussymbole auf den Mützen tragen. Ein zu starkes Eingehen auf die Symbolkraft des ausgehöhlten Dreiecks auf Tinky-Winkys Kopfbedeckung würde die Anstandsgrenze an dieser Stelle aufs Massivste unterschreiten und sei daher der schmutzigen Gedankenwelt des Lesers überlassen. Belassen wir es bei der Feststellung, dass dem derart gezeichneten Wesen das Tragen einer Handtasche nun wirklich erlaubt sein sollte. Dank deshalb an msn für diese Nachricht und dem Staate Polen für seine Entscheidung. Sie erscheint als wahrer Ausfluss gerechtigkeitsliebender Eingebung in dieser ruchlosen Welt sexueller Offenherzigkeit - wie beruhigend.
- Kuriositätenkabinett
- Kommentare(3)
Das ist und bleibt ein ganz schwuler Haufen!
Hallo Paula,
wie sagt Bruce doch so schön: “Ohne Handtasche keine Competition.”
oder war es “Keine Competition ohne Handtasche.”?…
Die Handtasche ist demnach auf gar keinen Fall ein Zeichen für homosexuelle Tendenzen…. NEIN… NIE… Schon gar nicht bei einem minderbemittelten Stoffvieh. Ich glaube ja, diese Handtasche braucht ES, um seine Adresse drinnen aufzuheben, damit wenn ES sich verläuft und von der Exekutive aufgegriffen wird, ES nach Hause gebracht werden kann.
Allerdings wäre das Erste was ich täte, wenn ES mein Kind wäre: ES die Handtasche abnehmen, mit verbundenen Augen ins Auto setzen und ein gutes Stück nach der polnischen Grenze aus dem Auto werfen.
In diesem Sinne…
“Prost”
Zwiebel
Was ich natürlich nicht gemacht habe. Genauso wie drei andere hilflose “Mütter”.