Wahrer Amok

Paula June 11th, 2007

Rezensionen sind etwas Feines. Kaum eine journalistische Beitragsform - sieht man einmal von der putzigen Betrachtung des eigenen Familienalltags ab, die ambitionierte Schreiberlinge, als “Glosse” oder - noch vogelwilder - als “Satire” deklariert, in ihrem Lokalblättchen unterbringen - wird so oft fehlinterpretiert wie die eigentlich kritisch-erörternde Form der augenzwinkernden “Musterung”, wie es sich der gute alte Römer beim Ausdenken dieses Wortes noch gedacht hat. Was als Quintessenz dabei meist herauskommt, ist nicht viel mehr als ein “Isch hab da mal was gelesen/gehört/gesehen - Subba! Müssense auch mal lesen/hören/sehen!”, was auch an sich nicht weiter schlimm wäre, würde man sich nicht regelmäßig darüber ärgern müssen, dass das betrachtete Stückchen Kultur meist die ewig gleichen popwellengeföhnten Durchschnittsexkremente von auf Kassenschnitt gecasteten Trendkünstlern ist, die man so schon in allen anderen Möchtegernmagazinen “rezensiert” gefunden hat. Und darüber, dass diese Unsitte des langatmigen Betrachtens kurzlebiger Hurra-Hallodris in immer mehr Unterhaltungssendungen und -artikeln als Sidekick auftaucht, die plötzlich auf den erfolgreichen Abschluss des “Kulturkritik gegen Ernstgenommenwerden”-Deals hoffen

Sendungen, deren “Hard News”-Dichte ohnehin auf Milch schwimmen könnte, sind natürlich prädestiniert für diese Form der lockerleichten Kulturkritik - in allererster Witzischkeit-Front: die Morningshows. Auch deshalb musste “Sat.1 am Morgen” in seinem Themenblock “Videospiele” die geil gebliebenen Pfadfinder-Jungs ansprechen und zu allererst den 500-millionsten Teil der Lara “In meinem 75 Doppel-F-Zeltlager habe ich mindestens zwei letzte Einhörner versteckt” Croft-Reihe bewerten. Der unbekannt bleibende Sprecher aus dem Off fand das Ganze natürlich - kritisch distanziert, wie es sich gehört - “anspruchsvoll”, “ansehnlich” und “den anderen Teilen in nichts nachstehend”. Bemerkenswert war es für den aufmerksamen Zuschauer aber, dass er bei aller zwanghaft an den Tag gelegter journalistischer Distanz das Wort “Musterung” überhaupt nicht ernst genommen zu haben schien: Lara wurde konsequent als “die wohl berühmteste Archäologin” angesprochen - was fehlte, war nur der prinzipiell noch objektivere Satz “Bei ihrem Anblick habe ich mich zuallererst gefragt: Ob sie wohl beim Frisör war?!?”.

Ach ja - und kritisch wurde man natürlich auch an anderer Stelle, schließlich musste die Redaktion davon ausgehen, dass die Sendung auch von besorgten Müttern der kaufkräftigen Gruppe zwischen 14 und 49 gesehen wurde: Das Ganze, so betonte der”Rezensent”mit fast hörbarem Stirnrunzeln, sei aber doch in gewohntem Maße brutal und daher für Kinder unter 12 Jahren nicht geeignet. Unabhängig von der Frage, ob man einem 13-Jährigen die verantwortungsvolle Sichtung von bis zum Anschlag geladenen Schnellfeuerwaffen zutrauen möchte, verwunderte mich doch das Fehlen des eigentlich unvermeidlichen Hinweises auf die Nachahmungsgefahr solcher Videospiele für die immer vorauszusetzende jugendliche Schießwut - wo man sich doch in den Medien mittlerweile darauf geeinigt hat, im Falle eines erneuten Amoklaufs immer schon Beiträge für eine mindestens einstündige Sondersendung zum Thema “Massenmord und Spaß dabei - wie Schule und Eltern an der Spielesucht ihrer Computerkids verzweifeln” im Archiv stehen zu haben.

Der Gedanke, dass die Gefahr willenlos abgefeuerter Patronenhülsen ausschließlich von multimedia-abhängigen Teenies ausgeht,  liegt auch nahe: Denn nach Regel Nr. 1 des inoffiziellen Handbuchs für computerspielindizierte Amokläufe ist kein Fall bekannt, wo Erwachsene einfach blindwütig andere ihnen unbekannte Menschen in den Tod gerissen haben, und laut Regel Nr. 2 ist eine solche Verhaltensweise von der guten alten Jugend mit naturbehafteten Primärerfahrungen anstelle quadratischer Bildschirmpupillen überhaupt nicht bekannt. In den 50ern und 60ern beispielsweise, als es diese blutrünstigen Kriegsspiele noch nicht gab, wäre kein Minderjähriger auf die Idee gekommen, eine Schule zu stürmen und Menschen zu töten. Damals haben das noch psychisch gestörte Frührentner übernommen. So wie Walter Seifert, der vor genau 43 Jahren eine Grundschule in Köln-Volkhoven mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und einer Lanze eingenommen und zehn Menschen getötet hat. Gut, könnten überkritische Spaßverderber jetzt einwenden, aber das spräche doch gerade gegen obige erste Regel, oder? Hah!. Eben nicht! Erstens heben psychische Störungen obige Regeln auf. Und zweitens spricht die Lanze nicht für plumpe Verhaltensimitation sondern für wahres Rittertum. Intelligenter, wahrer Amok. Wir wollen an dieser Stelle ja nicht zynisch werden - aber die Tatsache, dass es schon vor Lara Croft Amokläufe und dies auch stets von Menschen mit abgeschlossener Pubertät gegeben hat, spricht doch bitte nicht gegen die vollkommen plausible Erklärung, dass letztendlich alle jugendlichen Massaker auf die Nachfolger des in seiner überbordenden Gefräßigkeit nicht minder gefährlichen Atari-Pacmans zurückzuführen sind. Oder?!?

Trotzdem ist den Kritikern an dieser Stelle für ihre kritische Musterung und musternde Kritik unpopulärer, aber letztlich natürlich wahrer Argumentationen zu danken. Rezensionen leben wieder!


2 Kommentare zu “Wahrer Amok”

  1. Davidam 12.06.2007 um 00:58

    Paula, das hast du wieder granz großartig geschrieben!!
    Also wenn du nicht bald deine eigene Kolumne in einer renommierten Zeitung oder zumindest den Weltruhm erreich hast, dann läuft hier irgendwas verkehrt…

  2. seolaceam 06.05.2010 um 05:27

    Nice post, thanks for writing!

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