Das Erstbeste
Paula August 12th, 2008

In welchem Alter Chronos, der griechische Gott der Zeit, sein erstes Wort sprach und so die Chronologie aus der Taufe hob, ist bis heute ungeklärt. Ein Grund vielleicht dafür, warum die Chronologie, in ihren Ursprüngen bereits ungewiss und schwankend, sich bis ins Alltagsleben hinein, untergraben von nostalgischer Verklärung oder effektivitätsgeleiteter Verdrängung des Menschen, als Problemfall ent-lehrt. Nur in einem kann man sich in zweifelsfreier Sicherheit wiegen: Die Gleichzeitigkeit der Kritik. So ist jeder Erfinder in der glücklichen Lage, mit jedem Auswurf seines Genius, sei er nun ideell oder substanziell, Gedanke oder Gegenstand, zugleich eine zweite indirekte Erfindung vorweisen zu können: die Kritik daran. In diesem unmittelbaren Wechselspiel von Erfindung und Entgegnung liegt das Kräftefeld der gesellschaftlichen Stabilität; es fordert Meinungsbildung und Formulierung derselben heraus, ein Für und ein Wider, für das es sich zu entscheiden gilt – selbst dann, wenn die Gesellschaft selbst, wie es seit Menschengedenken, also Adam und Eva der Fall ist, am Pranger steht.
Nun ist auch das göttliche logos zeitlich nicht ganz klar zu datieren, womit zwischen göttlichem und chronischem Spracherwerb ein bislang zu wenig gewürdigter Zusammenhang gezogen werden kann – dies jedoch nur am Rande. Wichtiger ist an dieser Stelle der Hinweis, dass durch dieses Datierungsdesiderat auch die Gesellschaftskritik zeitlich nicht auf den Tag genau festgemacht werden kann. Dennoch dürfte sie eine der ältesten und virulentesten Kritiken sein, die bis zum heutigen Tag in ungebrochener Stärke die öffentliche Meinung dominiert. Wer nichts zu sagen hat, liegt mit Gesellschaftskritik immer richtig. Der moralisch erhobene Zeigefinger, vergleichbar mit dem BWL-Studium für unentschlossene Abiturienten oder Pralinenmischungen für ratlos Schenkende am Großmuttergeburtstag, ist ein Joker im Hemdsärmel des verbalen Drängers, dessen Gedankengänge noch nicht für den großen thematischen Wurf, wohl aber für gepflegte Kritik am Gebahren unserer Zeit ausreichen.
In der Folge kann diese mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen oder mit müdem Lächeln zwar registriert, aber als redundant verworfen werden. Kaum denkbar ist es jedoch, dass der Gesellschaftskritik selbst ihre Existenzberechtigung abgesprochen wird, vorausgesetzt, sie hält sich an die Regeln anderer Zeigefinger, die die Diskussionskonformität überprüfen. Ansonsten akzeptiert die Gesellschaft die Kritik an ihr, weiß sie doch um den chronologischen Ursprung ihrer Zwillingsschwester. Nur eines fordert sie ein, ebenso wie sie dies bei jeder anderen Form der Kritik tut: die Widerspruchsfreiheit. Die Stabilität des Kräftefeldes benötigt die Entscheidung, Für oder Wider, eine Meinung, die weder wohlformuliert noch innovativ sein muss, aber doch bitte eindeutig.
Hierin liegt einer der wesentlichen Gründe, warum Polit-Talkshows in der Vergangenheit noch stärker in den hiesigen TV-Kritiken attackiert wurden als von Beginn an (ja, auch hier greift die Regel): Klar formulierte Meinungen blieben zumeist aus. Nicht das heillose Durcheinander, die Hilflosigkeit der Moderator(inn)en und die immer gleichen Gesichter waren das hauptsächliche Problem, sondern die Fragezeichen über den Köpfen der Nation, die nach einer solchen Sendung bedrohlich an Ausmaß zugenommen hatten. Die Ungewissheit, welche Meinung die beteiligten Politiker nun wirklich vertraten und welcher man selbst am ehesten anhängen könne, kostete die entsprechenden Shows nach und nach Einschaltquoten, an deren letztendlicher Absturz man sich, chronologisch betrachtet, kaum noch erinnern konnte.
Ein Heilmittel scheint in der letzten Zeit die erneute Rückkehr zur Fundamentalkritik zu sein, die sich wieder an den alten Themen der Menschheit angliedert, um möglichst allumfassend die Zuschauerschaft zu binden. Und da sich weder Äpfel noch Schlangen oder Paradiese wirklich abendfüllend kritisieren lassen, muss eben wieder die Gesellschaft herhalten. “Hart aber Fair” versucht es morgen mit einer Sendung, die sich schon in ihrer Programmankündigung vor entrüstetem “Ja, genau!”-Kopfnicken des Zuschauers kaum wird retten können: Über die Bilder rennender, schwimmender und kämpfender Sportler fragt die besorgt-hintergründige Stimme aus dem Off “Doping ist Pfui – empört zeigen wir auf unsaubere Sportler. Dabei gilt in der ganzen Gesellschaft: Höher, schneller, weiter – um jeden Preis. Nachhilfe schon für Grundschüler, Aufputsch- und Beruhigungsmittel in Studium und Job. Welche Opfer muss man dafür bringen? Und wer kann es sich noch leisten, Leistung zu verweigern?” Ja, genau! Wer kann sich das noch leisten, fragt der ebenfalls besorgt-hintergründige Nichtsportler und erinnert sich seines eigenen medikamentösen Missbrauchs, der heute noch in Aspirin und Grippostad seine häßlichen Spuren im Medizinschrank hinterlässt.
Vor lauter Selbstbetroffenheit und reumütigen Spontanplänen zur Umkehr bemerkt der erwachte Gesellschaftskritiker beinahe zu spät, dass die Programmankündigung für den morgigen Abend schon nahtlos in die ARD-Eigenwerbung übergegangen ist, die sich natürlich der goldmedaillen-verdächtigen Olympiaübertragung widmet. “Schneller laufen, schneller springen, schneller kämpfen” ist dort zu lesen, gefolgt von dem altbekannten ARD-Logo und der Maxime “Erster sein”. Das nennt man dann wohl rückkoppelnde Gleichzeitigkeit: Eine Kritik bringt zugleich auch die eigene Auflösung durch Zustimmung zu sich. Nicht widerspruchsfrei, aber chronologisch interessant, liebe ARD.
http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2008/20080813.php5?akt=1
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