Katholisches Roulette
Paula April 16th, 2009
Wer als Kind jemals Zucker auf dem Fußboden verteilt hat, um das künstlich erschaffene kristalline Chaos rechtzeitig vor erziehungsberechtigter Sichtung wieder aufzusaugen, der kann unter Umständen nachvollziehen, wie sich die papsttreuen Katholiken gestern mittag auf dem Petersplatz in Rom gefühlt haben. Nichts ist schließlich so befriedigend wie bewusst begangene und genossene Fehltritte, die mit sofortiger Wirkung wieder ungeschehen gemacht werden können. Daher konnten die Touristenpilger frohen Mutes ein gutbürgerliches “Happy Birthday” anstimmen und damit sämtliche Unheilschleusen öffnen, die das Schicksal für zu früh ausgesprochene Geburtstagsglückwünsche so parat hält. 82 wird Ratzi nämlich erst heute und hätte damit allen Grund gehabt, das päpstliche Weihwasser lieber über die mit den ersten Frühlingsmücken versaute Frontscheibe seines Papamobils zu schütten als über die Häupter seiner schadenfroh abwartenden Trällerschäfchen, die sehenden Auges Katholisch-Roulette mit ihm und den Wundern seines neuen Lebensjahres spielten.
Alle vorgezogenen Ratzi-Gratulanten jedenfalls konnten nach ihrer Untat seelenruhig in die sieben Hauptkirchen Roms wandern, um sich einen Generalablass zu verdienen und ansonsten mal schauen, was stärker ist: Schicksalsmacht oder göttliches Stellvertretertum, das den Papst ja angeblich auch vor schwarzen Katzen und Voodoopuppen beschützen soll – “Wollen wir doch mal sehen!”, scheint man sich da in der Gläubigenmenge gedacht zu haben. So wird das nächste Jahr Ratzis zeigen, ob die Schicksalskanone gegen ihn abgefeuert wird. Überliefert ist jedenfalls, dass er auf das Ständchen mit einem Lächeln und erhobenen Armen reagierte. Ob er auch ein weißes Fähnchen schwenkte, ist unbekannt.
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