Künstlernamen
Paula June 5th, 2009
Was schon Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst wusste, erlangt in der heutigen Zeit räudiger Aufmerksamkeitsgenerierung um jeden Dschungelcamp-Preis neue Aktualität: Frustrierender als je zuvor wird deutlich, dass nicht jeder, der für Geld und/oder eine Sekunde im Hintergrundstandbild der Oliver Geissen-Show mit allen Kabelträgern von RTL den Kunstflokatiteppich der Mitarbeitertoilette rocken oder für einen kurzen Moment millionenäugiger Wahrnehmung barbusig und mit einem Werbeaufkleber auf dem Hinterteil klebend durch das Studio von Sonja “Die 10 größten Gageinlagen in deutschen Privatsendershows” Zietlow laufen würde, die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Wo früher das Hochschlafen oder Überbordwerfen jeglichen Schamgefühls noch als Garant kurzfristiger Schmierenpopularität galt, prangt heute die gähnende Leere übersättigter holländischer Skandalformate, die das Fernsehprogramm in eine bunte Burleske überraschend gradliniger Verdummung gestürzt hat und jeden Medienkritiker an die gute alte Zeit zurückdenken lässt, als das Aufstellen von 10 Kameras in einem Blechcontainer noch das einzig grenzwertige Showkonzept war, über das es zu sprechen galt.
Und in diesen Zeiten der vollkommenen Unsicherheit und des Wegfallens der für Millisekunden sicheren Bildschirmpopularität für die Mediengeilen dieser Welt rückt diese Wahrheit Sophie Auguste Friederikes wieder in den Vordergrund: Ohne Künstlernamen bringt man es zu nichts. Gerade wer zum Hochschlafen nicht gerade einen russischen Zarensohn zur Hand hat oder sich als erfahrenene Vermarkterin dessen Mutter heranziehen kann wie die gute Sophie, ja, wer ohnehin wie unsereins in den hiesigen Breitengraden das Pech hat, für das Berufsbild “AlleinherrscherIn” einige Jährchen zu spät dran zu sein, hat sehr schnell schlechte Karten für die große Popularität, selbst dann, wenn man sie nur einmal kurz zur Hand haben will.
Nun ist dank Sophie der für Frauen wohl klingende Künstlername Kathrina die Große ohnehin schon vom Markt. Und die Frage muss erlaubt sein, ob eigens zugelegte Namen, um in der heutigen Welt wenigstens bis zum Kauf der Single/Autobiographie/Bettwäsche bei den Konsumenten im Kopf zu bleiben, nicht enger mit dem eigenen Tun in Verbindung stehen sollte. Das ist in den klassischen Bühnenmetiers natürlich schwierig. Sich als Möchtegern-Sängerin “Harmony Girl” oder “Blues Brigitte” zu nennen, entbehrt nicht einer gewissen Komik – wobei auch dies ja kalkuliert sein kann. Aber auch Schauspielernamen, die in den momentan angesagten Vampir- und Knutschromanverfilmungen populär sein könnten, “Anämie-Anna” oder “Sauger-Sonja” zum Beispiel, wirken eher wie billige Spiderman-Widersacher und scheinen ungeeignet, um selbst im schnellebigen Glitzerkosmos zwischen den Werbepausen wahrgenommen zu werden.
Ein Ausweg bietet offensichtlich der inidsche Markt, seit “Slumdog Millionaire” begehrter Querverweis in der Analyse der modernen Medienszene. Die dortige Namensgebung hört sich für das europäische Ohr ohnehin so an, als hätte ein computergesteuerter Silbengenerator auf dem Krankenhausflur der Neugeborenenstation gerade Schluckauf gehabt und deutlich zu viele Wortteile auf ein kleines Papierchen ausgedruckt, das von den frischgebackenen Eltern als Vorname ihres Babys aufs Amt getragen wurde. Dadurch ist jeder Inder automatisch für den Fall der sprichwörtlichen Fünf Minuten-Berühmtheit gerüstet – der eine mehr, der andere weniger.
Eindeutig mehr ist dies diejenige Gerichtsmedizinerin, die beim – natürlich “tragisch” betitelten – Tod des US-Schauspielers David Carradine obduzieren musste. Wie die “Welt” heute in gewohnter journalistisch-erhabener Neutralität berichtet (Überschrift: “Rätselhafter Tod: Kam David Carradine bei Sexspielen ums Leben?”), gehen die Behörden davon aus, dass die Leiche des 72jährigen nicht durch Selbstmord oder Gewaltverbrechen stranguliert mit einer Vorhangkordel in den Hotelschrank gekommen ist, sondern durch einen “Unfalltod”. Von einem “selbstverschuldeten Unfall beim Liebespiel”, spricht die Gerichtsmedizinerin: “Er starb, nachdem er sich selbst befriedigt hatte.”
Na also, geht doch. Solche Aussagen brauchen wir auf den “Aus aller Welt”-Seiten am Ende unserer Tageszeitung, sowas bringt Aufmerksamkeit. Nicht auszudenken, wenn dies eine britische Gerichtsmedizinerin mit dem Namen Susan Smith gesagt hätte, oder eine chinesische Lu Wang. Weg, fort, vergessen wäre der Name gewesen, den man bei abendlichen Klatschveranstaltungen doch zum Beweis der eigenen Belesenheit unbedingt einstreuen muss (”Übrigens sagte die Gerichtsmedizinerin XY, David Carradine sei bei obszönen Pornodrehs ums Leben gekommen!”). So war es aber eine indische Gerichtsmedizinerin mit dem klangvollen Namen Porntip Rojanasunan. Zu schön, um wahr zu sein und zu toppen eigentlich nur noch durch einen Nachnamen, der den Begriff Gang-Bang inderspezifisch unterzubringen gewusst hätte. Aber wir wollen nicht maßlos erscheinen. Die nächste Dinnerparty ist zumindest gerettet.

Und falls Frau Porntip ihre plötzliche nominale Berühmtheit (die, dies sei auch in dieser Literaturform als Beisatz angemerkt, schon seit ihrem Einsatz bei der Tsunamikatastrophe in den Westen übergeschwappt ist) bei einer Aussiedlung nach Europa doch hinderlich vorkommt, kann sie beruhigt sein: Der umgekehrte Weg hin zu Silke Musterfrau-Namen ist immer der einfachere. Katja-Nora Baumgärtner wäre beispielsweise frei. Die nennt sich heute Dolly Buster.
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- Kommentare(1)
Hallo,
Sehr schön - gerade die Namen die man bekommt oder sammelt sind es doch grundsätzlich Wert genauer hinter- und durchleuchtet zu werden … und das von jemand der Zwiebel heißt … wie tief lässt das wohl in meine Psyche blicken. Aber ich bin doch mal froh nicht Frau Lamar-Schadler zu heißen, um mal den Doppelnamenklassiker eines schlechten “Frauen” Buches zu zitieren, das wir damals genötigt wurden zu lesen.
Schönen Gruß
Zwiebel