Das Wort ist das Ziel
Paula July 20th, 2009
Nie ist die Tempuswahl so wichtig wie beim Reden übers Hier und Gestern. Sätze und ihre artverwandten Versatzstücke, die in irgendeiner Weise mit “Nenene, wat war das noch schön, als…” beginnen, erfordern auch im weiteren Verlauf der Gesamtaussage mit unbedingter Notwendigkeit das Präteritum, sollen sie nicht mit semantisch tödlicher Bumerangwirkung auf den gesellschaftlich zurecht interpretierten Charakter des Sprechers zurückfallen – ein in “Deutsch als Fremdsprache”-Kursen unverständlicherweise vollständig vernachlässigter Aspekt der Wissensvermittlung. Dabei wird sich die assimilationsambitionierte Ausländerseele neologistisch kaum in unserem Land zurechtfinden, wenn sie nicht hinter die Oberfläche einer Sprache zu schauen lernt, deren Formen- und Bedeutungsreichtum beim häufigeren Besuch im BILDungsbereich des deutschen Printwesens nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Und so ist die teppich- und polstermöbelgeschwängerte Faulheit des Deutschen, nach außen gerne als “typical german gemütlischkeit” verkauft, mit dafür verantwortlich, dass temporale Sprachregeln außer acht gelassen werden – mit mitunter fatalen Folgen.
Man halte sich vor Augen, was passiert, wenn der zweite Teil einer “Nenene, wat war das noch schön, als…”-Aussage nicht mit einem Präteritum weitergeführt wird und danach schließt, sondern unter Umständen mit dem Konjunktiv weitermacht. Semantisch verknüpfte Folgesätze wie “Was wäre das schön, wenn nochmal..” oder “Wir sollten das wieder…” entlarven den Redenden als steinzeitlichen Spießer und zerstören unwiderruflich den Nimbus der Nostalgie, der nur ohne jeglichen Gegenwartsbezug zu strahlen beginnt. Letztlich ist Nostalgie das beglückte Schwelgen in Dingen und Zuständen, die nur zu ihrer Zeit und mit der Patina des Vergangenen wirklich schön waren; sie profitieren von der Tatsache, dann existiert zu haben, als wir vermeintlich uneingeschränkt glücklich waren. Tief in unserem Innern erkennen wir den Schwindel, und so muss der nostalgisch verklärte Blick zurück in jedem Fall auf halbem Weg in der Vergangenheit stehen bleiben, denn mit Haut und Haaren und allem, was dazugehört, wollen wir uns dann ja doch nicht ins Ewiggestrige stürzen.
Gut zu beobachten ist das zum Beispiel beim Schauen alter Filme, in denen wie aus einem Geschichtsbuch plötzlich Postkutschen, Affenschaukel-Frisuren und Telefone mit Wählscheibe durchs Bild huschen. Nenene, wie schön….aber welch ein Glück, mit normaler, handyfreundlicher Pferdeschwanzfrisur Mails verschicken zu können. Und apropos Mails: Beim Happy End-garantierten Liebesgeschmöker á la “E-M@il für dich” denkt man auch an erste Internetzeiten zurück, als der Rechner noch Einwahlgeräusche machte, und wo Aussagen wie “Du wirst es nicht glauben, aber ich habe einen Mann übers….Internet kennengelernt!” durch eine durchschnittliche Standesamtkundschaft konterkariert wurden, die den Cybersex vor dem ersten handwarmen Körperkontakt in der kinoeigenen Popcorntüte hatte. Das kann man unromantisch finden, doch die WLan-Highspeed-Flatrate macht so einiges wieder wett. Wer an dieser Stelle präteritum-missachtend die Nerven verliert und sich in alte Zeiten zurückwünscht, muss sich nicht wundern, wenn er schon bald als Dampfmaschinen-Fundamentalist verschrien ist. Tempusregeln kennen kein Erbarmen.
Eine menschliche Ausnahme kennt diese Regel: Social networks, eine durchaus kritisch zu sehende moderne Form des Freundschaftsbüchleins. Ständig läuft man hier Gefahr, von arroganten Ex-Liebschaften früherer Tage entdeckt und in enervierender Weise verbalpüriert zu werden – und schwupps ist er raus, der Gedanke “Nenene, wat war das schön, als es das noch nicht gab und man Kontakte einfach abbrechen konnte. Ich wünschte…” Auch aus dieser Krise gibt es jedoch einen Ausweg. Nicht die Aussage “Ich wünschte, das gäbe es nicht” führt hier zum gesellschaftskonformen Erfolg, sondern eine wohl gesetzte Personalisierung, die gerne auch mit starkem und semantisch inkomplexem Vokabular aufwarten kann. Denkbar wäre beispielsweise die spannungsgeladene Mischung aus lupenreinem Konjunktiv Präteritum und populistischer Adverbialkonstruktion: “Ich wünschte, du wärest nicht so ein Arschloch.” Nicht nur temporal, sondern auch rektal hat die Sprache für alles eine Lösung.
- Gedankensplitter , Internes
- Kommentare(1)
Sehr schön! Kein einziges Mal kommt in diesem Blog “Highlight” und “standing Ovation” vor. Und “Event hat die werte Hummel geschickt als Präfix des guten alten Wortes “uell” versteckt. Die Obervampire aus Ludwigshafen würden vor Glück hüpfen.
Liebgrüß von jri