Archiv für September, 2009

Wien-Splitter 4: Chronik einer Casting-Show

Paula 19.09.2009

Wer jemals als Lokaljournalistin auf Kaninchenzuchtwettbewerben seiner Arbeit nachgehen musste, hat in Discos häufig frappierende Parallelen festgestellt. Zwar sind es nur die primitivsten Wunschtraum-Womanizer, die mit einem gepflegten Griff an die Hinterbacke des Gegenübers gleich zu Beginn prüfen wollen, ob speckmäßig auch alles mit rechten Dingen zu geht oder sich innerlich Notizen zu Mümmelmanieren und Fellglanz machen. Trotzdem ist die Grundsituation der Fleischbeschau prinzipiell dieselbe, auch wenn man das anerkennende Kopfnicken innerhalb autobahn-betitelter Großraumdiskotheken in einem maschinengewehrartigen Takt machen musste, zumindest in den 90ern, als überdimensionierte Scheinwerfer den Himmel über “Wonderland One-Night Stand” hell erleuchteten und innendrin wahlweise wummernde Maschinengewehrbeats oder schwer erträgliche Nasshaarfrisösen die Notwendigkeit des Besaufens evident werden ließen.

Heute hat sich die Einstellung nur rudimentär geändert. Die BPM sanken in vergleichbarer Schnelligkeit, wie Getränkepreise und englische Vokabeln nach oben gingen. “Abgedanct” werden soll jetzt immer noch, aber natürlich auch “gechillt” und gesetzt wird sich nicht mehr in den “Apfelbaum”, sondern in eine “Clublounge”, wo viel Electro und nichts mehr Techno ist. Am Wichtigsten ist aber natürlich die “hotte Location”, und Wien hat diesbezüglich noch einmal ganz andere Möglichkeiten.

Das wird mir klar, als ich mit einer Gruppe Wiener im “Roten Salon” lande, einem Miniclub oberhalb des Volkstheaters, wo man beim Hinaufsteigen der weitläufigen Stufen angsterfüllt die Frage im Kopf rotieren lässt, wie in aller Welt man auf den Marmorstufen stilvoll die Zigarette ausbekommt. Den abgekühlten Glimmstengel versteckend in der hohlen Hand haltend, bezahle ich meine humanen 5 Euro Eintritt und laufe im Tanzsaal erst einmal gegen eine Wand. Wie lächerlich von mir, anzunehmen, im “einzigartigen Ambiente zwischen Marmor, Stuck, Chic und Samt”, wie es die Internetseite beschreibt, dürfe man nicht rauchen! Stattdessen wird dem massiven Kronleuchter im ca. 60 Quadratmeter großen Rondell ordentlich eingeheizt. Um die recht kleine Tanzfläche stehen rote Samtsessel an kleinen braunen Tischen, beim Blick nach oben fühlt man sich mehr als 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Wandgemälde, Scheinarchitekturen, Theaterlampen – unwillkürlich hält man nach weißgepuderten Theaterperücken Ausschau, die sich eigentlich unter die Gäste gemischt haben müssten und gleich ein kleines Kammerkonzert spielen..

Auch ansonsten ist alles ein bißchen anders. Die Musik kommt nicht von Band, sondern von einem bemerkenswert guten DJ. Die Getränke sind gnadenlos überteuert, natürlich, aber es wird neben Flaschenbier und Long Drinks auch eine respektable Weinauswahl geboten. Die Fleischbeschauer haben sich karierte Hemden angezogen und wirken dadurch erst auf den 2. Blick primitiv. Und Menschen verwickeln einen nicht in horizontale, sondern kunsthistorische Gespräche: “Sag mal, weißt du, was dieses Gemälde dort oben bedeuten könnte?” Um zwei Uhr morgens eine stark überfordernde Frage, und kurze Zeit später auch Makulatur. Denn ab viertel nach zwei drängt alles auf die kleine Tanzfläche, nach oben schaut keiner mehr. Einzige Blickrichtung, wenn man nicht ins Dekolléte der netten Brasilianerin schauen oder den Stierblick des Möchtegern-Toreros mit spanischen Zimmerpflanzen erwidern möchte: die Bar. Dort hat sich eine solch illustre Runde an Stereotypen eingefunden, dass man nicht umhin kommt, sie als gecastete Werbefiguren zu charakterisieren. Von links nach rechts: ein ergrauter langhaariger Sakkoträger, Typ Theaterdirektor, der an einer dicken Havanna zieht, zwei Mittvierziger-Touristinnen mit Minirucksack auf dem Rücken, die sich verirrt haben, aber nun das Beste draus machen wollen, ohne aufzufallen, John Travolta aus guten alten “Grease”-Zeiten, der sich selbst bei 30 Grad Innentemperatur nicht von seiner schwarzen Kurzlederjacke trennen will, drei Quotentussis mit Paillettenkleidchen und High Heels, eine abgehalfterte Opernsängern mit leichten Tränensäcken, die im Gegenstaz zu den Vorgenannten niemanden zum Bezahlen ihrer Drinks findet, und zwei Manager in Dreireihern, die sich am Ende wohl doch für die Edelprostituierten an der Hotelrezeption einschreiben werden.

Auf der Tanzfläche tummelt sich dagegen das Normalvolk ohne Schlips und Stola. Ab drei wird hier langsam die finale Balzrunde eingeläutet, viel Zeit hat man abzüglich Abtanzen, Klarfahren und Heimbringen schließlich nicht mehr. An die Bar kommt Bewegung. Hier in der Mitte, so wird deutlich, lauern die einzigen Möglichkeiten, mehr als einen Stock im Hintern mitzunehmen. Einige Manager trennen sich von ihren Jacken und geben einmal die Galavorstellung von “Hemdgorilla in Espresso-Ekstase”. Eine Tussi hängt sich an John Travolta dran, die anderen beiden stehen nippend und wippend an der Tanzfläche und trauen sich noch nicht so recht, in den für sie eigentlich viel zu niveaulosen Waberteppich aus Jeans und T-Shirts einzutauchen. Die Opernsängerin ist verschwunden, dafür taucht am Ende der Bar tatsächlich Indiana Jones auf. Gerade eben vom Straßenkampf gegen Nazis und Ratten nach oben gekommen, zieht er sich den Hut ins Gesicht und bestellt ein Bier. 3,90 Euro – aber was soll’s, wird sicherlich von der Castingagentur bezahlt.

Um halb vier sind die Würfel gefallen und viele Tänzer im Aufbruch. Aber auch einige erfolgreiche Vertragsverhandlungen gibt es knutschend zu bestaunen, das Kronleuchterlicht verleiht dem Ganzen fast etwas Romantisches. Nach erfolgreichem Feierabend ist die Bar verwaist; die Castingmimen sind nach Hause gegangen. Zurück bleibe ich mit dem Rest des Normalvolks und eine um sich selbst drehende Frischgetrennte, deren sich verzweifelt amüsierende Gesichtszügen sie verraten. “Hammermusik, was?!?”, brüllt sie mir ins Ohr, nachdem der DJ gerade mehr als deutlich einen Gang runtergeschaltet und die Rausschmeißermucke eingelegt hat. Ich nicke. Besser nicht verunsichern, in ihrer Situation. Wir unterhalten uns noch kurz, dann ist es aber besser für mich zu gehen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie den Werterichterblick in meinem Journalistenauge bemerkt, der wissend nur eine Aussage sendet: Nenenene Bunny, das wird heute nix mehr.

Wien-Splitter 3: Der Sockenbär

Paula 18.09.2009

Leben an sich ist äußerst unwahrscheinlich. Auch wenn sich Forscher und Theologen immer noch streiten, wie genau die Erde als bewohnbarer Planet mit einem schier unvorstellbaren Artenreichtum entstanden ist, in einem sind sich irgendwie doch alle einig: Voll krass, das alles hier. Krass, weil eigentlich vollkommen unwahrscheinlich. Und vielleicht gerade deshalb so schön. Jedenfalls ist es menschlich, alles, was selten ist, mit besonderer Genugtuung oder Faszination zu betrachten. Vierblättrige Kleeblätter. Neue Nessie-Fotos. Achtlings-Geburten. Perfekte Bügelwäsche. Und wer so etwas Seltenes erlebt, der ist für kurze Zeit etwas Besonderes. Vor allem vor sich selbst. Manchmal aber auch für Andere.

Seit gestern trägt mich eben diese Hoffnung. Die Hoffnung, das Schmach, Scham und Häme des vergangenen Abends nicht umsonst waren, weil sie mich in den Augen der in Deutschland Zurückgebliebenen (selten war die Ortsangabe zur Verhinderung empörter Kommentare so wichtig) emporheben werden aus den gelangweilten Niederungen einer Generation (1980+), die bis auf den Mauerfall, bei dessen Fernsehübertragung (Tagesschau) sie eigentlich schon im Bett sein musste, nichts Spannendes in ihrer Biographie vorweisen kann. Doch gestern ist das seit Cordoba eigentlich Undenkbare passiert: Ich war in Wien, als eine deutsche Bundesliga-Mannschaft 3:0 gegen Rapid verlor – die Mannschaft also, die ihre Erfolge bislang fast ausschließlich im eigenen Land suchen musste und sich gerade auf das baldige Ligaspiel gegen Kapfenberg vorbereitet. Nun muss man fairerweise sagen, dass Österreich wahrlich nichts dafür kann, nach 1941 nicht noch einmal Deutscher Meister werden und uns Langnasen damit den fußballerischen Königsweg weisen zu können. Trotzdem dünkt der Wahlspruch “Rapid marschiert, Wien regiert, ganz Europa wird paniert”, der auf großen Bandentransparenten im Stadion aufgehängt worden war und nun auf der Vereinshomepage, noch ganz im verbalen Siegestaumel, auf den HSV umgemünzt wird (http://www.skrapid.at/8758.html), etwas übertrieben, aber: Seltenes muss man auskosten, Unwahrscheinliches zelebrieren.

Getan wird das an diesem Abend mit “Sturm”, dem österreichischen Pendant zu Federweißer, der die Auswirkungen auf die Abendstimmung und den Magen-Darm-Trakt auch am treffendsten ausdrückt. Für 2 Euro das Glas läuft das wie geschmiert, und da die Österreicher Rauchverbote in Kneipen für absoluten Mumpitz halten, ähnelt der Gastraum binnen kürzester Zeit einem wabernden Hexenkessel, in dem den deutschen Gast unter der eigentlichen Landbevölkerung (”Die Stadtwiener sahn jo gaaanz anders wie mier!”) mehrfach das Gefühl der dolmetscherischen Unterbelichtung beschleicht, sich und sein Sprachkompetenzzentrum schließlich einem ebenfalls am Tisch sitzenden Australier zuwendet und über die einfache Hörverstehensübungen des Englischen erleichtert ist.

So einfach gibt der Österreicher aber nicht auf. Über Trinksprüche, für die man erschreckend oft aufstehen muss, nähert man sich an die eigentliche hohe Kunst jedweder neuen Sprache an: die Spezialausdrücke. Fruen ködert man dabei nicht mit Auto/Motor/Sport-Begriffen, sondern mit Niedlichem, Tierausdrücke zum Beispiel. Stimmt. Als ich “Söckibär” höre, bin ich begeistert und lernbereit. Der Sockenbär ist ein österreichischer Bauernkinderbegriff für “Schaf”. Ob ich denn auch einen besonderen deutschen Ausdruck für Tiere hätte, fragt mich der österreichische Nachbar und bestellt mir noch einen Sturm mit. Ich überlege. Keine Erleuchtung. Selbst heute, am Tag danach, bin ich ratlos. Höchstens einen besonderen deutschen Ausdruck mit einem Tier. Aber auf Kater komme ich auch erst am nächsten Morgen.

Wien-Splitter 2: Unter Narren

Paula 16.09.2009


Eines muss man den Mitarbeitern im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum lassen: Mit Atmosphäre kennen sie sich aus. Wer einmal halb um das kreisrunde, bunkerähnliche Gebäude herumgelaufen und durch das kleine Eisentürgitter getreten ist, wird von einem niedlichen Piercing-Hobbit mit schwarz umrandeten Augen begrüßt. “Smokey Eyes” würde man ja sagen, wenn einen der weiße Medizinerkittel nicht jegliche Modegedanken aus dem Kopf schlagen würde. Der Studi ist unglaublich nett, auskunftsfreudig und lächelt gerne. Das macht das gleichzeitige Nesteln an seinem Kittel irgendwie noch unheimlicher.

Sein Kollege im Innenhof, Herr Winter, hat die Schminke weggelassen und sich dafür einen halslangen Ziegenbart wachsen lassen. Sein weißer Medizinerkittel sieht abgetragen aus, und unwillkürlich sucht das Auge nach frischen Blut- und Eiterflecken, die von der letzten Operation ohne Strom herrühren. Das Pathologisch-anatomische Institut wurde schließlich ursprünglich im 18. Jahrhundert als eine der ersten europäischen Nervenheilanstalten konstruiert, wo sich Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern mit allem nötigen Know-How der Zeit (Kälte tut Irre(n) gut, also immer schön durchlüften und Eiswasserkuren verschreiben) der operativen und inoperablen Behandlung ihrer Schützlinge widmeten. Wäre nicht die kleine, verfängliche Zweitbezeichnung “Narrenturm”, man könnte glatt denken, es sei damals mit rechten, ethischen Dingen zugegangen.

So bleibt eher die Eiter- und Blut-Phantasie im kreisrunden Innenhof stehen, während Herr Winter hier einen kleinen historischen Überblick verschafft. Neben zwei Studis und einem einem Tochter-Mutter-Gespann fällt sofort ein saarländischer Touri auf, der sich vor der Führung noch schnell mit einer BILD-Zeitung auf den Schmodder der nächsten Stunde vorbereitet hat. Kaum in den Ausstellungsräumen angekommen, stürzt er sich visuell und leider auch verbal auf das erste “Feuchtpräparat”, wie Herr Winter das glibbrige Leichenüberbleibsel im Formaldehyd betitelt. Zu sehen: Eine Lunge nach Tuberkulosebefall. Ui. Für einen Nichtmediziner, als der sich Herr BILD sofort outet (”Guggemo do! Tu-Per-Kuh-Lohse. Steht do!”) könnte das ganze auch ein etwas derangiertes Sandbild sein, das man im Sommerurlaub kaufen kann. Obwohl….dafür ist die Atmosphäre wieder zu gut gemacht. Die ohnehin kleinen Zellen (28 pro Stockwerk - wenn da mal nicht wieder die Freimaurer dahinterstecken, wie Herr Winter als mögliches, wenn auch unwahrscheinliches Mystik-Sudoku in den Raum stellt) mit weiß verputzen Wänden, davor einfache weiße Blechregale mit alten, dickwandigen Gläsern in klein, groß, riesig und vergilbter Ausführung, dazu die Aufkleber mit der alten Tintenschrift, wie man sie aus historischen Apotheken kennt.

Trotzdem: Die ausgestellten Krankheiten kennt man vom Namen, nicht jedoch vom organischen Erscheinungsbild. Also ist Zuhören und Phantasie-Ekeln angesagt. Anstrengend nur bis zu dem Punkt, an dem man in den Flur und damit zu den Gummipräparaten kommt, alle von (gerade noch so) lebenden Vorbildern abgegossen und naturecht bemalt – zum Teil noch am Krankenbett, wie Herr Winter freudestrahlend erzählt. Vorbei geht es also an diversen Geschlechtskrankheiten, an Schuppenflechten, Missbildungen, offenen Gesichtswunden und Wundbränden. Klar, dass Mr. BILD da sofort seiner geheimen Berufung nachgeht: Ekel? Schicksale? Schockmomente? FOTO!

Die Reaktion lässt kaum bis nicht auf sich warten, und wäre die Anstalt nicht schon seit fast 150 Jahren außer Betrieb, man hätte Angst um sein Leben in den Fängen der heran eilenden, natürlich ebenfalls weißbekittelten Aufsichtsschwester gehabt. “HERR WINTER! SAGEN Sie Ihren Gästen, dass NICHT FOTOGRAFIERT werden darf!!!!!” Selbst Herr Winter zuckt leicht zusammen und eilt flüchtend zu den Skeletten und Trockenpräparaten. Dort zu sehen: Der Magen einer psychisch kranken Frau Mitte Zwanzig, die, um sich selbst Schmerzen zuzufügen, jede Menge Nägel und Schrauben verschluckt hat, welche dann, unverdaut und eingeweidefeindlich, zum frühen Tod durch innere Blutungen geführt haben. Jetzt bloß keine Empathie aufkommen lassen! “Hauptsache, es schmeckt”, blökt der kamera-amputierte Saarland-Sympathieträger und kramt sich sein Lachen tief aus dem Hals raus. Bei den Ganzkörperpräparaten – Kinder ohne Gehirn und Schädeldecke, Embryonen, eingeklemmt von einem Magentumor, siamesische Zwillinge mit nur einem Kopf – ist er endlich im Gafferhimmel angekommen. Die Kamera wird nervös in der Jackentasche von links nach rechts geschoben. Ausweichmanöver: Extensives Lippenbefeuchten. Himmel, wie eklig.

Wieder auf dem halbrunden Innenhof angekommen, müssen die Bilder von aufgequollenen Babykörpern und spuckenassen Männerlippen erstmal abgeschüttelt werden. Unwillkürlich kommt Freude über die Tatsache auf, dass Tuberkulose, Syphilis oder Hautkrankheiten heutzutage heilbar sind und man nicht unter Umständen jahrzehntelang mit immer schlimmer werdenden Missbildungen umherlaufen muss. Ein Stoßseufzer in Richtung moderne Medizin steigt auf. Da meldet sich Herr BILD zu Wort, die angezündete Kippe schon drei Sekunden nach Verlassen des Turms im Anschlag.  ”Jaaaaaaaaaaaa”, holt er aus, “aber heutzutage ist auch nicht alles gut. Das Gesundheitswesen….ich hatte vor Jahren eine schwere Operation, und da haben die noch nichtmal nach meiner Blutgruppe gefragt! Legen mir da einfach Gruppe 0 negativ hin!” Hm, wagt der Medizinlaie in mir den Einwurf, aber geht das nicht mit jeder Blutgruppe konform? “Jaaaaaaaaa, aber darum geht es nicht! Sie haben ja nichtmal gefragt! Und ALS sie dann gefragt haben, da hab’ ich zu ihnen gesagt: ,Nene Jungs, das sag ich euch nicht, ihr nehmt mir jetzt mal schön Blut ab und schaut selber nach!’ Tja, es läuft eben auch bei uns nicht alles rund!”

Eine Diskussion über die unterschiedliche Verhältnismäßigkeit von Gesichtswucherungen und Universalblutkonserven erscheint ab diesem Zeitpunkt sinnlos. Dafür steigt eine andere Frage in mir auf, während ich mir im Innenhof die Ausführungen des freundlichen Boulevardrauchers anhöre: Warum genau heißt das hier nochmal Narrenturm?

Wien-Splitter 1: Da bin ich also

Paula 14.09.2009

Es gibt literarische Zitate, die so abgegriffen sind, dass ihr ursprünglich ernsthafter Aphorismencharakter nicht nur in den Logensesseln gediegener Opern- und Theaterkreise vollständig unterwandert worden ist, sondern auch auf Parkett- und semikulturellem BWLer-Niveau. Von daher sollte es jedem Germanisten die Schamesröte ins Gesicht treiben, beim Eintippen obiger Überschrift unwillkürlich an Faust und seinen verzweifelten Torheits-Monolog im ersten Auftritt zu denken. Schnell wird also der ausgelutschte Reim “Da steh’ ich nun, ich armer Tor / und bin so klug, als wie zuvor” zur unverfänglichen “Da bin ich also”-Überschrift verkürzt und verändert. Es hätte ja auch rein kontextmäßig nicht gepasst. Schließlich ist Faust (verständlicherweise) frustriert, weil er nach fast allen wichtigen Studiertätigkeiten noch immer nicht am Ziel der Erkenntnis angekommen ist. Er befindet sich an einem Ende und weiß nicht, wofür er das eigentlich alles auf sich geladen hat. Gut, letzteres kann ich nachvollziehen, während ich mit einem bleischweren Koffer die Straßen entlanghechle und mal wieder die Erfahrung mache, dass fünf Zentimeter auf der Karte fünf Kilometer in der Realität ausmachen können und die ständigen Berge zwischendrin wohlweislich verschweigen. Aber ansonsten haben Faust und ich uns gerade ziemlich auseinandergelebt. Nach ebenfalls mehreren Studiengängen (die meisten glücklicherweise abgeschlossen) und einigen Frustrationen stehe ich schon wieder an einem neuen Anfang, und der heißt: Drei Monate Archivaufenthalt in Wien. Zum Erfolg verdammt gewissermaßen. Für den Gegenwert eines schnuckeligen Kleinwagens in Zeiten der Abwrackprämie, 194 Schwarzfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder ca. 10.000 Kürbiskernbrötchen wollen die SFB-Verantwortlichen meiner Uni was geboten kriegen. Da bislang kaum jemand die Briefe und Schriftstücke eingesehen hat, die mich interessieren, bliebe mir zur Not das phantasievolle Neugestalten nicht gefundener Fundstücke. Das beruhigt schonmal. Ich will schließlich nicht erkenntnislos wie Faust wieder nach Hause fahren.

Aber mein Anspruch muss natürlich ein anderer sein. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin! Jawoll! Und weil Wien ja DIE Stadt für Kunst und Kultur ist, muss nebenbei auch noch Programm stattfinden.  Kaum eine Reaktion auf meine Reisepläne, in der im Vorfeld nicht ein Satz wie “Hach, wie herrlich! GERADE für DICH als kulturell interessierten Menschen wird das HERRLICH!” Bei so vielen Betonungen in einem Satz hatte man zeitweilig das Gefühl, in einem Marvel-Comic versetzt worden zu sein. Und natürlich eine zweite Erwartungskulisse, die möglichst schnell mit konkreten Museumsbeständen ausstaffiert werden wollte: Welche Museen hast du dir schon angesehen? Welches zuerst? Und welches ist am interessantesten?

Zumindest für die letzte Frage habe ich bereits einen Favoriten. Das erste Museum, das mir in Wien ins Auge fiel, war, nein, nicht der riesige Komplex des Kunsthistorischen Museums, auch nicht sein architektonisches Ebenbild direkt nebendran, das Naturhistorische. Auch nicht die Albertina, nicht das Historische, nicht das Jüdische Museum (ja, richtig: auswendig gelernt habe ich sie schon), sondern – zu Unrecht versteckt in einer Seitengasse nahe des Westbahnhofs – das “Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch”. Einige Häuser nebenan findet sich dann ein Puff. Mit Wiener Kultureinrichtungen ist es eben ein bißchen so wie mit Faust und Mephisto: Es kommt zusammen, was zusammengehört.

Ich gehöre nicht dazu

Paula 06.09.2009

Nein nein nein, die Wirtschaftsexperten der Öffentlich-Rechtlichen haben Unrecht: Auch wenn in Dokumentationen, Reportagen und Brennpunkten immer wieder sein unaufhaltsamer Konkursexitus beschworen wird, gibt es ihn doch noch: den Mittelstand in Deutschland. Und solange noch ein letzter Vertreter seiner Art für Statistiken zur Verfügung steht, klammern sich die Marketingscouts auf ihrer Suche nach der werberelevanten Zielgruppe an ihn wie die Hausfrauen an den Socken-SSV. Schließlich ist in der Krise nicht der Luxusgüterverkauf der oberen Zehntausend das Problem, sondern der Konsum jenseits der finanziellen Gletscherspalte, an deren Verbreiterung die Banker dieser Welt innerhalb weniger Wochen erstaunliche Fortschritte erzielt haben.

Dennoch soll hier nicht der Platz für wirtschaftsmoralische Stammtischgespräche sein, schließlich sind wir im Wahlkampf. Und da haben uns nicht nur die Politiker vertrauenswürdige Lösungsvorschlägefür den Mittelstand unterbreitet (”Reichtum für alle” – Gregor Gysi), sondern auch die zweite ehrlichkeitsbasierte Berufsgruppe unserer Zeit, die das Urdeutsche bereits im Namen trägt: die Werbefritzen. So wie Die Linke (Sorry, kein Großdruck in diesem Blog) mit Recht annimmt, dass Reichtum für alle die Armut von so manchem bekämpft, weiß die Werbung: Zugehörigkeit vermindert Separation. Daher wird in besonders anheimelnder Impertinenz Zugehörigkeit als Universalmöglichkeit suggeriert. Eine fest gedruckte Intranet-Regel des gewieften Werbedemagogen lautet: Gib den Menschen das Gefühl, dein Produkt sei ohne Weiteres zu erwerben und bringe sie in den Besitz von Werten, die nur von sentimentalkorrumpierten Bambi-Guckern als unkäuflich angesehen werden: Freundschaften, Liebe, Ansehen.

Doch auch wenn Totgesagte länger leben, leichter ist die Zugehörigkeit nach der Weltwirtschaftskrise für den Mittelstand nicht geworden. Wo im vergangenen Jahr noch in schöner Regelmäßigkeit, und besonders schön in der Vorweihnachtszeit ab Ende September, die Angebote pseudoseriöser Bankableger ins Haus flatterten, deren Kreditofferten (”5000 Euro für die Geschenke zum Fest: Zeigen Sie Ihren Lieben, wieviel sie Ihnen wert sind!”) sich als ebenso windig erwiesen wie die Wege, auf denen sie an ihre “Kunden”adressen gekommen waren, herrscht heute gähnende Leere im Briefkasten – Geldgeschenke mit gerade mal 7,5% Verzinsung kann sich heute schließlich kein Banker mit einem Minimum an lebensstandardisierter Sportwagenwürde leisten. Das macht auch für die Geschäftsinhaber die Überzeugungsarbeit schwerer. Es gilt, auch teurere Produkte an den Kunden zu bringen, und wenn der nicht mehr so leicht in die eigene Verschuldung fallen kann wie früher, muss ihm die Notwendigkeit des Besitzes eben noch stärker vor Augen gehalten werden.

In manchen Fällen ist das einfach. Der neue Slogan für eine alkoholfreie Sektmarke im Fernsehen geht direkt ans emotionale Großhirn: “Dazugehören. Rotkäppchen alkoholfrei.” Na also, geht doch. Mit einer Flasche lauer Kohlensäureplörre ist man also sofort mittendrin im Saufzentrum unserer Gesellschaft. Da man ja auch ohne Alkohol eine Menge Spaß haben kann, ist es einem schnurzepiepegal, wenn die neue, ausufernde Freundesclique mit zunehmendem Abend verbal perforierter wird und man selbst auf dem Trockenen sitzt. Zur Not kann man sich am Grillabend ja immer noch mit einem ebenfalls nüchternen Tofuwürstchen unterhalten, das eine gelben Sack für seine “Schmeckt wie Salami”-Plastikverpackung sucht.

In anderen Fällen ist es deutlich schwerer, potentielle Kunden von der Unabdingbarkeit und universellen Einsatzfähigkeit eines Produktes zu überzeugen. Brilliantringe zum Beispiel. Selbst die Liz Taylors und Gerhard Schröders dieser Welt brauchen, möchte man meinen, nicht allzuoft einen kissengepolstertes Klunker vom Gegenwert dreier durchschnittlicher Pärchenmonatsmieten. Ein Trierer Juwelierladen straft dieses Vorurteil jetzt Lügen. Zwar möchte man von mit dem neuen Alltagsluxus noch nicht allzu ofensichtlich hausieren gehen und versteckt das kleine selbstgeschriebene Werbeschildchen etwas verschämt im Innenraum. Aber an Deutlichkeit lässt man es dann doch nicht fehlen:

“Ein Brilliantring, das Geschenk für alle besonderen Lebenslagen:
Freundschaft, Verlobung, Heirat, Geburt, Scheidung ;-)”

Bevor mich nun aufgebrachte Kommentare von tausenden, auf korrekte Zitation pochenden, Lesern meines Blogs erreichen: Ja, der Smiley ist Original. Der kleine subtile Hinweis des Schmuckkomikers: IS’N SCHERZ! SPAAAAAAAAAAAAAASS!! Haha. So ‘ne Scheidung ist ja auch mal Kichern wert. Und wer den Werbezettel dennoch ernst nimmt, der kommt zumindest auf die richtige Schlussforderung: Einen Brilli kann man immer brauchen. Einfach der besten Freundin oder dem frisch geschiedenen Ex-Herzblatt in einem Glas spritlosen Rotkäppchensekt präsentieren, und schon gehört man doppelt dazu.

Wem das ein zu optimistisches Schlusswort ist, dem sei der Umkehrschluss ans Herz gelegt: Wer bis zum Ende des Jahres keinen Brilliantring am Finger trägt, ist entweder nicht geschieden, verheiratet oder verlobt – oder hat keine Freunde.

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