Wien-Splitter 4: Chronik einer Casting-Show
Paula 19.09.2009
Wer jemals als Lokaljournalistin auf Kaninchenzuchtwettbewerben seiner Arbeit nachgehen musste, hat in Discos häufig frappierende Parallelen festgestellt. Zwar sind es nur die primitivsten Wunschtraum-Womanizer, die mit einem gepflegten Griff an die Hinterbacke des Gegenübers gleich zu Beginn prüfen wollen, ob speckmäßig auch alles mit rechten Dingen zu geht oder sich innerlich Notizen zu Mümmelmanieren und Fellglanz machen. Trotzdem ist die Grundsituation der Fleischbeschau prinzipiell dieselbe, auch wenn man das anerkennende Kopfnicken innerhalb autobahn-betitelter Großraumdiskotheken in einem maschinengewehrartigen Takt machen musste, zumindest in den 90ern, als überdimensionierte Scheinwerfer den Himmel über “Wonderland One-Night Stand” hell erleuchteten und innendrin wahlweise wummernde Maschinengewehrbeats oder schwer erträgliche Nasshaarfrisösen die Notwendigkeit des Besaufens evident werden ließen.
Heute hat sich die Einstellung nur rudimentär geändert. Die BPM sanken in vergleichbarer Schnelligkeit, wie Getränkepreise und englische Vokabeln nach oben gingen. “Abgedanct” werden soll jetzt immer noch, aber natürlich auch “gechillt” und gesetzt wird sich nicht mehr in den “Apfelbaum”, sondern in eine “Clublounge”, wo viel Electro und nichts mehr Techno ist. Am Wichtigsten ist aber natürlich die “hotte Location”, und Wien hat diesbezüglich noch einmal ganz andere Möglichkeiten.
Das wird mir klar, als ich mit einer Gruppe Wiener im “Roten Salon” lande, einem Miniclub oberhalb des Volkstheaters, wo man beim Hinaufsteigen der weitläufigen Stufen angsterfüllt die Frage im Kopf rotieren lässt, wie in aller Welt man auf den Marmorstufen stilvoll die Zigarette ausbekommt. Den abgekühlten Glimmstengel versteckend in der hohlen Hand haltend, bezahle ich meine humanen 5 Euro Eintritt und laufe im Tanzsaal erst einmal gegen eine Wand. Wie lächerlich von mir, anzunehmen, im “einzigartigen Ambiente zwischen Marmor, Stuck, Chic und Samt”, wie es die Internetseite beschreibt, dürfe man nicht rauchen! Stattdessen wird dem massiven Kronleuchter im ca. 60 Quadratmeter großen Rondell ordentlich eingeheizt. Um die recht kleine Tanzfläche stehen rote Samtsessel an kleinen braunen Tischen, beim Blick nach oben fühlt man sich mehr als 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Wandgemälde, Scheinarchitekturen, Theaterlampen – unwillkürlich hält man nach weißgepuderten Theaterperücken Ausschau, die sich eigentlich unter die Gäste gemischt haben müssten und gleich ein kleines Kammerkonzert spielen..
Auch ansonsten ist alles ein bißchen anders. Die Musik kommt nicht von Band, sondern von einem bemerkenswert guten DJ. Die Getränke sind gnadenlos überteuert, natürlich, aber es wird neben Flaschenbier und Long Drinks auch eine respektable Weinauswahl geboten. Die Fleischbeschauer haben sich karierte Hemden angezogen und wirken dadurch erst auf den 2. Blick primitiv. Und Menschen verwickeln einen nicht in horizontale, sondern kunsthistorische Gespräche: “Sag mal, weißt du, was dieses Gemälde dort oben bedeuten könnte?” Um zwei Uhr morgens eine stark überfordernde Frage, und kurze Zeit später auch Makulatur. Denn ab viertel nach zwei drängt alles auf die kleine Tanzfläche, nach oben schaut keiner mehr. Einzige Blickrichtung, wenn man nicht ins Dekolléte der netten Brasilianerin schauen oder den Stierblick des Möchtegern-Toreros mit spanischen Zimmerpflanzen erwidern möchte: die Bar. Dort hat sich eine solch illustre Runde an Stereotypen eingefunden, dass man nicht umhin kommt, sie als gecastete Werbefiguren zu charakterisieren. Von links nach rechts: ein ergrauter langhaariger Sakkoträger, Typ Theaterdirektor, der an einer dicken Havanna zieht, zwei Mittvierziger-Touristinnen mit Minirucksack auf dem Rücken, die sich verirrt haben, aber nun das Beste draus machen wollen, ohne aufzufallen, John Travolta aus guten alten “Grease”-Zeiten, der sich selbst bei 30 Grad Innentemperatur nicht von seiner schwarzen Kurzlederjacke trennen will, drei Quotentussis mit Paillettenkleidchen und High Heels, eine abgehalfterte Opernsängern mit leichten Tränensäcken, die im Gegenstaz zu den Vorgenannten niemanden zum Bezahlen ihrer Drinks findet, und zwei Manager in Dreireihern, die sich am Ende wohl doch für die Edelprostituierten an der Hotelrezeption einschreiben werden.
Auf der Tanzfläche tummelt sich dagegen das Normalvolk ohne Schlips und Stola. Ab drei wird hier langsam die finale Balzrunde eingeläutet, viel Zeit hat man abzüglich Abtanzen, Klarfahren und Heimbringen schließlich nicht mehr. An die Bar kommt Bewegung. Hier in der Mitte, so wird deutlich, lauern die einzigen Möglichkeiten, mehr als einen Stock im Hintern mitzunehmen. Einige Manager trennen sich von ihren Jacken und geben einmal die Galavorstellung von “Hemdgorilla in Espresso-Ekstase”. Eine Tussi hängt sich an John Travolta dran, die anderen beiden stehen nippend und wippend an der Tanzfläche und trauen sich noch nicht so recht, in den für sie eigentlich viel zu niveaulosen Waberteppich aus Jeans und T-Shirts einzutauchen. Die Opernsängerin ist verschwunden, dafür taucht am Ende der Bar tatsächlich Indiana Jones auf. Gerade eben vom Straßenkampf gegen Nazis und Ratten nach oben gekommen, zieht er sich den Hut ins Gesicht und bestellt ein Bier. 3,90 Euro – aber was soll’s, wird sicherlich von der Castingagentur bezahlt.
Um halb vier sind die Würfel gefallen und viele Tänzer im Aufbruch. Aber auch einige erfolgreiche Vertragsverhandlungen gibt es knutschend zu bestaunen, das Kronleuchterlicht verleiht dem Ganzen fast etwas Romantisches. Nach erfolgreichem Feierabend ist die Bar verwaist; die Castingmimen sind nach Hause gegangen. Zurück bleibe ich mit dem Rest des Normalvolks und eine um sich selbst drehende Frischgetrennte, deren sich verzweifelt amüsierende Gesichtszügen sie verraten. “Hammermusik, was?!?”, brüllt sie mir ins Ohr, nachdem der DJ gerade mehr als deutlich einen Gang runtergeschaltet und die Rausschmeißermucke eingelegt hat. Ich nicke. Besser nicht verunsichern, in ihrer Situation. Wir unterhalten uns noch kurz, dann ist es aber besser für mich zu gehen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie den Werterichterblick in meinem Journalistenauge bemerkt, der wissend nur eine Aussage sendet: Nenenene Bunny, das wird heute nix mehr.
