Ich gehöre nicht dazu
Paula September 6th, 2009
Nein nein nein, die Wirtschaftsexperten der Öffentlich-Rechtlichen haben Unrecht: Auch wenn in Dokumentationen, Reportagen und Brennpunkten immer wieder sein unaufhaltsamer Konkursexitus beschworen wird, gibt es ihn doch noch: den Mittelstand in Deutschland. Und solange noch ein letzter Vertreter seiner Art für Statistiken zur Verfügung steht, klammern sich die Marketingscouts auf ihrer Suche nach der werberelevanten Zielgruppe an ihn wie die Hausfrauen an den Socken-SSV. Schließlich ist in der Krise nicht der Luxusgüterverkauf der oberen Zehntausend das Problem, sondern der Konsum jenseits der finanziellen Gletscherspalte, an deren Verbreiterung die Banker dieser Welt innerhalb weniger Wochen erstaunliche Fortschritte erzielt haben.
Dennoch soll hier nicht der Platz für wirtschaftsmoralische Stammtischgespräche sein, schließlich sind wir im Wahlkampf. Und da haben uns nicht nur die Politiker vertrauenswürdige Lösungsvorschlägefür den Mittelstand unterbreitet (”Reichtum für alle” – Gregor Gysi), sondern auch die zweite ehrlichkeitsbasierte Berufsgruppe unserer Zeit, die das Urdeutsche bereits im Namen trägt: die Werbefritzen. So wie Die Linke (Sorry, kein Großdruck in diesem Blog) mit Recht annimmt, dass Reichtum für alle die Armut von so manchem bekämpft, weiß die Werbung: Zugehörigkeit vermindert Separation. Daher wird in besonders anheimelnder Impertinenz Zugehörigkeit als Universalmöglichkeit suggeriert. Eine fest gedruckte Intranet-Regel des gewieften Werbedemagogen lautet: Gib den Menschen das Gefühl, dein Produkt sei ohne Weiteres zu erwerben und bringe sie in den Besitz von Werten, die nur von sentimentalkorrumpierten Bambi-Guckern als unkäuflich angesehen werden: Freundschaften, Liebe, Ansehen.
Doch auch wenn Totgesagte länger leben, leichter ist die Zugehörigkeit nach der Weltwirtschaftskrise für den Mittelstand nicht geworden. Wo im vergangenen Jahr noch in schöner Regelmäßigkeit, und besonders schön in der Vorweihnachtszeit ab Ende September, die Angebote pseudoseriöser Bankableger ins Haus flatterten, deren Kreditofferten (”5000 Euro für die Geschenke zum Fest: Zeigen Sie Ihren Lieben, wieviel sie Ihnen wert sind!”) sich als ebenso windig erwiesen wie die Wege, auf denen sie an ihre “Kunden”adressen gekommen waren, herrscht heute gähnende Leere im Briefkasten – Geldgeschenke mit gerade mal 7,5% Verzinsung kann sich heute schließlich kein Banker mit einem Minimum an lebensstandardisierter Sportwagenwürde leisten. Das macht auch für die Geschäftsinhaber die Überzeugungsarbeit schwerer. Es gilt, auch teurere Produkte an den Kunden zu bringen, und wenn der nicht mehr so leicht in die eigene Verschuldung fallen kann wie früher, muss ihm die Notwendigkeit des Besitzes eben noch stärker vor Augen gehalten werden.
In manchen Fällen ist das einfach. Der neue Slogan für eine alkoholfreie Sektmarke im Fernsehen geht direkt ans emotionale Großhirn: “Dazugehören. Rotkäppchen alkoholfrei.” Na also, geht doch. Mit einer Flasche lauer Kohlensäureplörre ist man also sofort mittendrin im Saufzentrum unserer Gesellschaft. Da man ja auch ohne Alkohol eine Menge Spaß haben kann, ist es einem schnurzepiepegal, wenn die neue, ausufernde Freundesclique mit zunehmendem Abend verbal perforierter wird und man selbst auf dem Trockenen sitzt. Zur Not kann man sich am Grillabend ja immer noch mit einem ebenfalls nüchternen Tofuwürstchen unterhalten, das eine gelben Sack für seine “Schmeckt wie Salami”-Plastikverpackung sucht.
In anderen Fällen ist es deutlich schwerer, potentielle Kunden von der Unabdingbarkeit und universellen Einsatzfähigkeit eines Produktes zu überzeugen. Brilliantringe zum Beispiel. Selbst die Liz Taylors und Gerhard Schröders dieser Welt brauchen, möchte man meinen, nicht allzuoft einen kissengepolstertes Klunker vom Gegenwert dreier durchschnittlicher Pärchenmonatsmieten. Ein Trierer Juwelierladen straft dieses Vorurteil jetzt Lügen. Zwar möchte man von mit dem neuen Alltagsluxus noch nicht allzu ofensichtlich hausieren gehen und versteckt das kleine selbstgeschriebene Werbeschildchen etwas verschämt im Innenraum. Aber an Deutlichkeit lässt man es dann doch nicht fehlen:
“Ein Brilliantring, das Geschenk für alle besonderen Lebenslagen:
Freundschaft, Verlobung, Heirat, Geburt, Scheidung ;-)”
Bevor mich nun aufgebrachte Kommentare von tausenden, auf korrekte Zitation pochenden, Lesern meines Blogs erreichen: Ja, der Smiley ist Original. Der kleine subtile Hinweis des Schmuckkomikers: IS’N SCHERZ! SPAAAAAAAAAAAAAASS!! Haha. So ‘ne Scheidung ist ja auch mal Kichern wert. Und wer den Werbezettel dennoch ernst nimmt, der kommt zumindest auf die richtige Schlussforderung: Einen Brilli kann man immer brauchen. Einfach der besten Freundin oder dem frisch geschiedenen Ex-Herzblatt in einem Glas spritlosen Rotkäppchensekt präsentieren, und schon gehört man doppelt dazu.
Wem das ein zu optimistisches Schlusswort ist, dem sei der Umkehrschluss ans Herz gelegt: Wer bis zum Ende des Jahres keinen Brilliantring am Finger trägt, ist entweder nicht geschieden, verheiratet oder verlobt – oder hat keine Freunde.
- Gedankensplitter , Kuriositätenkabinett , Werbung
- Kommentare(0)