Archiv für September, 2009

Selbst Kritik!

Paula 04.09.2009

Man muss sich nicht in enervierenden christlichen Internetforen herumtreiben oder Interviews mit Kai Dieckmann lesen, um festzustellen, dass Selbstkritik noch nicht bei jedermann angekommen ist. Viel spannender als die Frage, wo das leuchtende Banner der eigenen Infragestellung einmal aufmerksamkeitswirksam aufgestellt werden sollte, ist diejenige nach seiner Herkunft. Nicht alles, was ich mache, ist geil – ein harter, ein mutiger Satz. Aber wann fiel er zum ersten Mal? Spannende Antworten wären zu erwarten, würde man die eingangs genannten Personen(gruppen) nach ihrer Meinung fragen. Die bibelfesten Onlinedisputanten, kraft ihrer selbstgezimmerten Auslegungswahrheit jahrelanger Primärlektüre, die durch das Lesen von Anselm Grün-Geschenkbändchen widerspruchslos abgesichert wurde, würden natürlich auf Adam und Eva verweisen und einiges spräche für sie: Wie das gefallene Paradieskind und sein rippchenhaftes Sexualobjekt nach dem kräftigen Haps in den Apfel (das hat man nun von der Zahnpastawerbung!) so auf dem unkrautüberwucherten, steinigen Acker stehen, vertrieben aus dem Garten Eden, angekommen im harten Leben – das ist durchaus ein Bild, welches von einem kräftigen Biss in den eigenen Hintern und den des Gegenübers gefolgt gewesen sein könnte. Selbstkritik als erste kognitive Regung nach dem Sündenfall – sooo viel früher wäre historisch nun wirklich nicht gegangen, wenn man Gott als Unfehlbaren mal außer Acht lässt. Zufrieden mit dieser frühem Fund würden sich die Christenvertreter in ihren Diskussionsrundensessel zurücklehnen und hätten wieder mal alles richtig gemacht.

Jaaaaaa, würde dann aber Kai Dieckmann einwenden, sein schönstes Bugs Bunny-”Pöh!”-Gesicht aufsetzen und sich dunkel an seine kurze Studienzeit erinnern, in der er noch Journalist werden wollte: Damit hätten wir das Warum (Sündenfall), das Wann (Post-Paradieszeit), das Wer und grob auch das Wie geklärt…aber was ist mit dem fünften W, dem Wo? “Auf der Erde” kann’s ja wohl nicht sein, mit solch ungenauen Angaben generiert man heutzutage keine Skandaltouristen und Hexenjagden mehr. Ein bißchen spezifizierter sollte es dann schon sein, und wer sich wie ich aufgrund einer längeren Autofahrt durch die nationale Nachbarschaft einmal mit den Verkehrsreglements des Auslands näher auseinandersetzen musste, wird Kai D. (45) auch eine Antwort geben können: Der erste Fall von Selbstkritik muss in Österreich stattgefunden haben.

Es dürfte schwierig sein herauszufinden, ob Adam und Eva nun eher in der Alpenregion des Landes oder in einem schnieken Wiener Vorort standen, als sie sich gegenseitig an die Hintern gingen. Fakt ist jedoch, dass die österreichische Mentalität, trotz aller Bestimmungen und Bemühungen immer noch das Gefühl zu haben, viel zu wenig zu tun, eine späte Nachwirkung des großen Schlangen-Crashs sein muss. Und das, obwohl man selbst im kontrollgenauen deutschen Ausland von den Sonderbestimmungen der Ösis noch was lernen kann: Eine Sicherheitsweste im Innenraum des Autos ist Pflicht: Wer sich das orangene Must-Have bei einem Unfall erst außerhalb des Fahrzeugs überstreift, hat schon verloren. Ebenso derjenige, der 80 Meter vor oder nach einem Bahnübergang überholt. Eine beunruhigende Entscheidungsfreiheit hat ein österreichischer Polizist, wenn er einen Fahrer mit mehr als 0,5 Promille erwischt: Die Geldstrafen reichen von 218 bis genau 3.634 Euro. Und selbst ein Vorfahrtschild ist in Österreich kein Freifahrtschein: Wer an einem Vorfahrtsschild anhält, weil z.B. ein rechts anbrausendes Autos verunsichernd spät abbremst, verliert die Vorfahrt. Wenn’s dann kracht, tut es das für den eigenen Geldbeutel. Wer bei einem Unfall die Polizei nur zur ollen Beweissicherung antanzen lässt, ohne dass wenigstens eine (sichtbare?) Verletzung vorliegt, zahlt eine “Blaulichtgebühr” von 36 Euro. Andere Regelungen können ob ihrer Komplexität nur zitiert werden: “Die Benutzung von Spikereifen (max. 2 mm) (Höchstgeschwindigkeit Landstraße 80 km/h / Autobahn 100 km/h) ist für Fahrzeuge bis 3,5 t zGG und mit typengeprüften Stahlgürtelreifen auf allen Rädern, die den genormten Spikesaufkleber am Heck angebracht haben ( bei OEAMTC erhältlich), nur im Zeitraum 15. November bis zum ersten Montag nach dem Ostermontag erlaubt.” Puh.

Und während sich der deutsche Österreichurlauber noch rauchend im Sessel zurücklehnt und in stummer Ehrfurcht nur noch die “weiteren nützlichen Hinweise” eines Ferienanbieters liest (”Die Alpenstraßen sind vor allem auf Nebenstrecken teilweise einbahnig, reich an Kehren und erfordern oft überdurchschnittliches fahrerisches Können.”), ist das dem Österreicher alles noch nicht genug. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) weist seine eigenen Landsleute auf seiner Seite darauf hin, dass in anderen Ländern “viel strengere Verkehrsregeln” gelten als man selbst es gewöhnt sei. Martin Blum, nominell so allerweltsverbreitet wie der deutsche Kevin Müller, und durch undurchsichtige Verfahren zum “VCÖ-Experten” aufgestiegen, hätte sooo gerne von (fast) allem mehr: Höhere Promillegrenzen, höhere Geldstrafen,  dafür aber niedrigere Höchstgeschwindigkeiten. „Aus Sicht der Verkehrssicherheit wäre auch für Österreich auf Freilandstraßen Tempo 80 vernünftig“, suhlt sich Blum beispielsweise in rapider Selbstkritik, oder “Auch für Österreich wäre es sinnvoll, wenn „Don’t drink and drive“ nicht nur ein Slogan, sondern gesetzliche Regelung wäre.” Wer dann noch die Selbstanklage rechts liest, in der per Teaser auf sinnvolle Tipps für das “Fahrtziel Natur” hingewiesen wird, weil die am häufigsten gewählte Anreise mit dem Auto viel zu viel Abgase und Lärm produziere, der möchte die Ösis am liebsten in den Arm nehmen und sie vom konkurrenzgebeutelten Blick aufs europäische Ausland abhalten: Konzentriert euch doch auf euch selbst!, möchten wir rufen, ihr macht das schon super! Gott liebt euch auch so! Ach ja, und: Lest die BILD-Zeitung, wenn ihr zu uns nach Deutschland kommt! Schon wären alle Beteiligten ein bißchen (selbst)zufriedener.

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