Wien-Splitter 2: Unter Narren
Paula September 16th, 2009
Eines muss man den Mitarbeitern im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum lassen: Mit Atmosphäre kennen sie sich aus. Wer einmal halb um das kreisrunde, bunkerähnliche Gebäude herumgelaufen und durch das kleine Eisentürgitter getreten ist, wird von einem niedlichen Piercing-Hobbit mit schwarz umrandeten Augen begrüßt. “Smokey Eyes” würde man ja sagen, wenn einen der weiße Medizinerkittel nicht jegliche Modegedanken aus dem Kopf schlagen würde. Der Studi ist unglaublich nett, auskunftsfreudig und lächelt gerne. Das macht das gleichzeitige Nesteln an seinem Kittel irgendwie noch unheimlicher.
Sein Kollege im Innenhof, Herr Winter, hat die Schminke weggelassen und sich dafür einen halslangen Ziegenbart wachsen lassen. Sein weißer Medizinerkittel sieht abgetragen aus, und unwillkürlich sucht das Auge nach frischen Blut- und Eiterflecken, die von der letzten Operation ohne Strom herrühren. Das Pathologisch-anatomische Institut wurde schließlich ursprünglich im 18. Jahrhundert als eine der ersten europäischen Nervenheilanstalten konstruiert, wo sich Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern mit allem nötigen Know-How der Zeit (Kälte tut Irre(n) gut, also immer schön durchlüften und Eiswasserkuren verschreiben) der operativen und inoperablen Behandlung ihrer Schützlinge widmeten. Wäre nicht die kleine, verfängliche Zweitbezeichnung “Narrenturm”, man könnte glatt denken, es sei damals mit rechten, ethischen Dingen zugegangen.
So bleibt eher die Eiter- und Blut-Phantasie im kreisrunden Innenhof stehen, während Herr Winter hier einen kleinen historischen Überblick verschafft. Neben zwei Studis und einem einem Tochter-Mutter-Gespann fällt sofort ein saarländischer Touri auf, der sich vor der Führung noch schnell mit einer BILD-Zeitung auf den Schmodder der nächsten Stunde vorbereitet hat. Kaum in den Ausstellungsräumen angekommen, stürzt er sich visuell und leider auch verbal auf das erste “Feuchtpräparat”, wie Herr Winter das glibbrige Leichenüberbleibsel im Formaldehyd betitelt. Zu sehen: Eine Lunge nach Tuberkulosebefall. Ui. Für einen Nichtmediziner, als der sich Herr BILD sofort outet (”Guggemo do! Tu-Per-Kuh-Lohse. Steht do!”) könnte das ganze auch ein etwas derangiertes Sandbild sein, das man im Sommerurlaub kaufen kann. Obwohl….dafür ist die Atmosphäre wieder zu gut gemacht. Die ohnehin kleinen Zellen (28 pro Stockwerk - wenn da mal nicht wieder die Freimaurer dahinterstecken, wie Herr Winter als mögliches, wenn auch unwahrscheinliches Mystik-Sudoku in den Raum stellt) mit weiß verputzen Wänden, davor einfache weiße Blechregale mit alten, dickwandigen Gläsern in klein, groß, riesig und vergilbter Ausführung, dazu die Aufkleber mit der alten Tintenschrift, wie man sie aus historischen Apotheken kennt.
Trotzdem: Die ausgestellten Krankheiten kennt man vom Namen, nicht jedoch vom organischen Erscheinungsbild. Also ist Zuhören und Phantasie-Ekeln angesagt. Anstrengend nur bis zu dem Punkt, an dem man in den Flur und damit zu den Gummipräparaten kommt, alle von (gerade noch so) lebenden Vorbildern abgegossen und naturecht bemalt – zum Teil noch am Krankenbett, wie Herr Winter freudestrahlend erzählt. Vorbei geht es also an diversen Geschlechtskrankheiten, an Schuppenflechten, Missbildungen, offenen Gesichtswunden und Wundbränden. Klar, dass Mr. BILD da sofort seiner geheimen Berufung nachgeht: Ekel? Schicksale? Schockmomente? FOTO!
Die Reaktion lässt kaum bis nicht auf sich warten, und wäre die Anstalt nicht schon seit fast 150 Jahren außer Betrieb, man hätte Angst um sein Leben in den Fängen der heran eilenden, natürlich ebenfalls weißbekittelten Aufsichtsschwester gehabt. “HERR WINTER! SAGEN Sie Ihren Gästen, dass NICHT FOTOGRAFIERT werden darf!!!!!” Selbst Herr Winter zuckt leicht zusammen und eilt flüchtend zu den Skeletten und Trockenpräparaten. Dort zu sehen: Der Magen einer psychisch kranken Frau Mitte Zwanzig, die, um sich selbst Schmerzen zuzufügen, jede Menge Nägel und Schrauben verschluckt hat, welche dann, unverdaut und eingeweidefeindlich, zum frühen Tod durch innere Blutungen geführt haben. Jetzt bloß keine Empathie aufkommen lassen! “Hauptsache, es schmeckt”, blökt der kamera-amputierte Saarland-Sympathieträger und kramt sich sein Lachen tief aus dem Hals raus. Bei den Ganzkörperpräparaten – Kinder ohne Gehirn und Schädeldecke, Embryonen, eingeklemmt von einem Magentumor, siamesische Zwillinge mit nur einem Kopf – ist er endlich im Gafferhimmel angekommen. Die Kamera wird nervös in der Jackentasche von links nach rechts geschoben. Ausweichmanöver: Extensives Lippenbefeuchten. Himmel, wie eklig.
Wieder auf dem halbrunden Innenhof angekommen, müssen die Bilder von aufgequollenen Babykörpern und spuckenassen Männerlippen erstmal abgeschüttelt werden. Unwillkürlich kommt Freude über die Tatsache auf, dass Tuberkulose, Syphilis oder Hautkrankheiten heutzutage heilbar sind und man nicht unter Umständen jahrzehntelang mit immer schlimmer werdenden Missbildungen umherlaufen muss. Ein Stoßseufzer in Richtung moderne Medizin steigt auf. Da meldet sich Herr BILD zu Wort, die angezündete Kippe schon drei Sekunden nach Verlassen des Turms im Anschlag. ”Jaaaaaaaaaaaa”, holt er aus, “aber heutzutage ist auch nicht alles gut. Das Gesundheitswesen….ich hatte vor Jahren eine schwere Operation, und da haben die noch nichtmal nach meiner Blutgruppe gefragt! Legen mir da einfach Gruppe 0 negativ hin!” Hm, wagt der Medizinlaie in mir den Einwurf, aber geht das nicht mit jeder Blutgruppe konform? “Jaaaaaaaaa, aber darum geht es nicht! Sie haben ja nichtmal gefragt! Und ALS sie dann gefragt haben, da hab’ ich zu ihnen gesagt: ,Nene Jungs, das sag ich euch nicht, ihr nehmt mir jetzt mal schön Blut ab und schaut selber nach!’ Tja, es läuft eben auch bei uns nicht alles rund!”
Eine Diskussion über die unterschiedliche Verhältnismäßigkeit von Gesichtswucherungen und Universalblutkonserven erscheint ab diesem Zeitpunkt sinnlos. Dafür steigt eine andere Frage in mir auf, während ich mir im Innenhof die Ausführungen des freundlichen Boulevardrauchers anhöre: Warum genau heißt das hier nochmal Narrenturm?
- Kuriositätenkabinett , Wien
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