Wien-Splitter 3: Der Sockenbär

Paula September 18th, 2009

Leben an sich ist äußerst unwahrscheinlich. Auch wenn sich Forscher und Theologen immer noch streiten, wie genau die Erde als bewohnbarer Planet mit einem schier unvorstellbaren Artenreichtum entstanden ist, in einem sind sich irgendwie doch alle einig: Voll krass, das alles hier. Krass, weil eigentlich vollkommen unwahrscheinlich. Und vielleicht gerade deshalb so schön. Jedenfalls ist es menschlich, alles, was selten ist, mit besonderer Genugtuung oder Faszination zu betrachten. Vierblättrige Kleeblätter. Neue Nessie-Fotos. Achtlings-Geburten. Perfekte Bügelwäsche. Und wer so etwas Seltenes erlebt, der ist für kurze Zeit etwas Besonderes. Vor allem vor sich selbst. Manchmal aber auch für Andere.

Seit gestern trägt mich eben diese Hoffnung. Die Hoffnung, das Schmach, Scham und Häme des vergangenen Abends nicht umsonst waren, weil sie mich in den Augen der in Deutschland Zurückgebliebenen (selten war die Ortsangabe zur Verhinderung empörter Kommentare so wichtig) emporheben werden aus den gelangweilten Niederungen einer Generation (1980+), die bis auf den Mauerfall, bei dessen Fernsehübertragung (Tagesschau) sie eigentlich schon im Bett sein musste, nichts Spannendes in ihrer Biographie vorweisen kann. Doch gestern ist das seit Cordoba eigentlich Undenkbare passiert: Ich war in Wien, als eine deutsche Bundesliga-Mannschaft 3:0 gegen Rapid verlor – die Mannschaft also, die ihre Erfolge bislang fast ausschließlich im eigenen Land suchen musste und sich gerade auf das baldige Ligaspiel gegen Kapfenberg vorbereitet. Nun muss man fairerweise sagen, dass Österreich wahrlich nichts dafür kann, nach 1941 nicht noch einmal Deutscher Meister werden und uns Langnasen damit den fußballerischen Königsweg weisen zu können. Trotzdem dünkt der Wahlspruch “Rapid marschiert, Wien regiert, ganz Europa wird paniert”, der auf großen Bandentransparenten im Stadion aufgehängt worden war und nun auf der Vereinshomepage, noch ganz im verbalen Siegestaumel, auf den HSV umgemünzt wird (http://www.skrapid.at/8758.html), etwas übertrieben, aber: Seltenes muss man auskosten, Unwahrscheinliches zelebrieren.

Getan wird das an diesem Abend mit “Sturm”, dem österreichischen Pendant zu Federweißer, der die Auswirkungen auf die Abendstimmung und den Magen-Darm-Trakt auch am treffendsten ausdrückt. Für 2 Euro das Glas läuft das wie geschmiert, und da die Österreicher Rauchverbote in Kneipen für absoluten Mumpitz halten, ähnelt der Gastraum binnen kürzester Zeit einem wabernden Hexenkessel, in dem den deutschen Gast unter der eigentlichen Landbevölkerung (”Die Stadtwiener sahn jo gaaanz anders wie mier!”) mehrfach das Gefühl der dolmetscherischen Unterbelichtung beschleicht, sich und sein Sprachkompetenzzentrum schließlich einem ebenfalls am Tisch sitzenden Australier zuwendet und über die einfache Hörverstehensübungen des Englischen erleichtert ist.

So einfach gibt der Österreicher aber nicht auf. Über Trinksprüche, für die man erschreckend oft aufstehen muss, nähert man sich an die eigentliche hohe Kunst jedweder neuen Sprache an: die Spezialausdrücke. Fruen ködert man dabei nicht mit Auto/Motor/Sport-Begriffen, sondern mit Niedlichem, Tierausdrücke zum Beispiel. Stimmt. Als ich “Söckibär” höre, bin ich begeistert und lernbereit. Der Sockenbär ist ein österreichischer Bauernkinderbegriff für “Schaf”. Ob ich denn auch einen besonderen deutschen Ausdruck für Tiere hätte, fragt mich der österreichische Nachbar und bestellt mir noch einen Sturm mit. Ich überlege. Keine Erleuchtung. Selbst heute, am Tag danach, bin ich ratlos. Höchstens einen besonderen deutschen Ausdruck mit einem Tier. Aber auf Kater komme ich auch erst am nächsten Morgen.

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