Archiv für October, 2009

Wien-Splitter 6: Patrouille im Paartanz (1)

Paula 25.10.2009

Man sieht es ihm nicht auf den ersten Blick an, aber der Punschkrapfen ist ein biologisch äußerst intelligentes Gebäck. Seiner Umwelt gegenüber aufgeschlossen und religiös unbelastet, hat sich das würfelförmige Biskuitgebäck früh mit Darwin auseinandergesetzt und in seine persönliche “survival of the thickest”-Lebensstrategie integriert. Will heißen: In Zeiten zunehmender Schlankheits- und Gesundheitsprioritäten seiner Umwelt versteckt der Punschkrapfen seine eigentlich untergangsgeweihte Mischung aus Zucker, Sahnecreme und Alkohol unter einer möglichst dicken Zuckergussglasur, deren süße Bonbonfarbe derart unschuldig aus der Bäckerei- oder Caféauslage lugt, dass niemand ernsthaft und langfristig an eine echte Bedrohung für Hüfte und/oder Nüchternheit denkt. Auf diese Weise wahrt der Punschkrapfen seine Stellung als Nachmittagsgebäck, Zwischendurchsnack und veritablen Frühstücksersatz bereits seit mehreren Jahrhunderten – auch und vor allem wegen des pinkfarbenen Ablenkungsmanövers.

In mancherlei Hinsicht ist der Punschkrapfen das pars pro toto Wiens. Denn auch in der gesamten Stadt muss niemand den eigentlichen Übeln ins Auge blicken, wenn er nicht unbedingt danach sucht. Wien ist entgegen ausländischer (= deutscher) Vorurteile keine blasierte, sondern eine glasierte Stadt: Alle Unannehmlichkeiten, denen man sich in anderen, so genannten “Metropolen” ausgesetzt fühlt, werden hier mit einem süßen Guss aus verbaler Abwiegelungstaktik, offener Freundlichkeit oder taktisch geschickten Ausweichstrategien überzogen, so dass kaum ein Adjektiv so häufig von Gästen und Touristen in den Mund genommen wird, wie das Wort “gemütlich”.

“Gemütlich” ist es in der allgemeinen Wahrnehmung selbst dann, wenn man eine halbe Stunde für einen Tisch im Café Central anstehen muss, sich durch die Menschenmassen am Stephansdom schiebt oder von verkleideten Mozarts auf die selbstredend “authentischen” Stadtführungen eingeladen wird. “Gemütlich” ist ein ganz normaler Gang von U-Bahn zu U-Bahn-Station, “gemütlich” ein Coffee to go in der überfüllten Kärntner Straße, “gemütlich” ein schicker Abend im Burgtheater. Das Beste daran: Es stimmt tatsächlich. Neben all den positiven Dingen, die einem in dieser Stadt sekündlich vor die Nase fallen, wirken die negativen Details ohnehin wie Nadelöhre im Heuschuppen, und selbst diese werden durch die selbstreinigenden Kräfte der Stadt sofort durch etwas Angenehmes übergossen. Wer kurz davor ist, die Ausdünstungen der Pferde-Hinterlassenschaften als unangenehm zu empfinden, wird kurz darauf von einem besonders prächtig lackierten Fiaker überholt, wer die verblichenen Gardinen einer offensichtlich nicht ganz so schönen Wohnung bemerkt, wird sofort durch die nichtsdestoweniger prächtige Altbaufassade abgelenkt, wer sich durch die Preise in Sacher, Demel und Co. kurzfristig abkassiert fühlt, bekommt durch kostenlose Broschüren und beschichtete Edeltüten die alles entschuldigende “Tradition” vor Augen geführt. Selbst das Wetter spielt meistens mit: Kaum ein Tag, an dem es wirklich von morgens bis abends regnet; fast immer schiebt sich am Morgen, am Abend oder zwischendurch eine Sonneninsel dazwischen, die mit einem Blick auf die blitzend weiße Fassade der Hofburg den Verlust eines Regenschirms und einer sichtbaren Frisur im vorangegangenen Sturm vergessen lässt. In Wien, so scheint es, gibt es keine schlechte Laune, keinen Stress, keinen Streit. Und wer sich auf die Stadt einlässt, der weiß zwar, wie auch beim Biss in den Punschkrapfen, dass da irgendwo Hüftspeck und Herbstdreck lauern, doch schon lange vor der Einnistung dieses Gedankens hat die Zuckergusseuphorie sämtliche krisensensiblen Gehirnregionen bis zur Unbenutzbarkeit überzogen und lächelt selig.

Und nur ganz selten, im österreichischen Volkswitz, wird dem Punschkrapfen diese heitere Paradiesnähe genommen. Dann munkelt man sich zu, der Punschkrapfen sei so ein bißchen wie die ewiggestrigen Österreicher, die bierhebend im Beisl das Jahr 1938 zurückwünschen: “Außen rosa, innen braun und immer ein bisschen betrunken.” Aber das passiert, wie gesagt, ganz ganz selten.

Wien-Splitter 5: Freie Fahrt für freie Werbung

Paula 04.10.2009

Überzeugte Motorisierungsfans und Wandermuffel können ihre Abwehr fußgestützter Erkundungstouren durch Wien mit dem Hinweis auf den 18. Februar 1853 wunderbar rechtfertigen. An diesem Tag wurde sozusagen der Vorläufer aller Dolchstoßlegenden in die blutige Tat umgesetzt, als Kaiser Franz Joseph I. bei einem gemütlichen Gang durch die Kärntnertor-Bastei von einem ungarischen Schneidergesellen hinterrücks angegriffen wurde und nur durch das beherzte Eingreifen seines Adjutanten und eines Fleischhauers vor einer spitzfindig-tödlichen Stichverletzung bewahrt werden konnte. Trotzdem: Die Wunde am königlichen Hinterkopf war seitdem der blutige Beweis der unsportlichen Tatsache, dass Spaziergänge durch Wien tendenziell viel zu gefährlich sind.

In den Zeiten vor Inflation und Weltwirtschaftskrise war die glückliche Rettung des damals 22jährigen Kaisers mit ein paar lumpigen Verdienstorden und Adelstiteln für Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef Ettenreich, mit einer kleinen Hinrichtung und einem mickrigen Staatsbankett als Ausdruck durchlauchter Dankbarkeit natürlich nicht abgegolten. Sooo viel mehr Geld hatte man zwar auch damals nicht, aber der noch nicht in fast panikhaften Kirchenaustritten zerstreuten Christengemeinde konnte die Notwendigkeit eines deutlich größeren Gunstbeweises an ganz Oben noch argumentativ zwingender vermittelt werden. 300.000 dankbare Wiener Bürger spendeten schließlich genug, um ein neues Gotteshaus namens “Votivkriche” aus dem Boden zu stampfen – noch heute ein fremdwortlastiger Eigenname, der Reiseführerverlage mit Dankbarkeit erfüllt, weil er sich auf dem ohnehin schon eng beschriebenen Stadtplan in DinA5-Größe deutlich besser einfügen lässt als “Weihegeschenkkirche” oder “Dankbarkeitsbekundungskirche”.

Heute, gut einhundertsechsundfünfzigeinhalb Jahre später, ist “eines der bedeutendsten neugotischen Sakralbauwerke der Welt” (Wikipedia) auf dem besten Weg, der krisengeschüttelten Außenwelt auch weiterhin Hoffnung zu geben. Gut, der Kaiser wohnt jetzt bei Bayern, die Spenden werden von Tsunamis aus dem Land gespült, und Afghanistan und Gammelsteaks haben auch das Vertrauen in früher ehrenwerte Berufe wie Adjutanten oder Fleischhauer deutlich erschüttert. Trotzdem gibt es etwas, was wir aus dem Attentat heute noch lernen können: Das Auto ist die sicherere Alternative. Dies scheint den katholischen Verantwortlichen in der österreichischen Hauptstadt derart wichtig zu sein, dass sie – ohne extra auf ein Jubiläumsjahr zu warten – die Lehren des Dolchstoßes säkularisierend unter die Leute bringen wollen. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich die Automobilindustrie eine Werbefläche anmieten konnte, bei der sich selbst gotteslästernde Architekturverächter verwundert die Augen reiben: Direkt an der Fassade, meterhoch, mit besten Blick auf eine der größten Straßenbahnhaltestellen nahe des 1. Bezirks: das Schottentor.

Sieben Jahre Garantie (gegen Attentate, möchte man hinzufügen), bietet der schicke Neuwagen, und verschweigt damit geflissentlich, dass ein anderer österreichischer Franz mit angeblicher Attentatsicherheit bei Autoausflügen 1914 recht schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber das war schließlich nicht in Wien, sondern in Sarajevo, und so müssen sich die katholischen Kirchenplakatierer lediglich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie der Automobilindustrie die weihe- und würdevolle Sakralfassade zu deren verzweifelten Opferung sechs(?)stelliger Summen überlassen hat, um sich am Auspuff noch irgendwie aus der Krise zu ziehen. Geschichtlich passender wäre natürlich eine Werbeanzeige für Nackensteaks, wobei unterm Glockenturm noch Platz für’s österreichische Bundesheer wäre. Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef hätte es gefreut.