Archiv für die Kategorie 'Gedankensplitter'

Ich gehöre nicht dazu

Paula 06.09.2009

Nein nein nein, die Wirtschaftsexperten der Öffentlich-Rechtlichen haben Unrecht: Auch wenn in Dokumentationen, Reportagen und Brennpunkten immer wieder sein unaufhaltsamer Konkursexitus beschworen wird, gibt es ihn doch noch: den Mittelstand in Deutschland. Und solange noch ein letzter Vertreter seiner Art für Statistiken zur Verfügung steht, klammern sich die Marketingscouts auf ihrer Suche nach der werberelevanten Zielgruppe an ihn wie die Hausfrauen an den Socken-SSV. Schließlich ist in der Krise nicht der Luxusgüterverkauf der oberen Zehntausend das Problem, sondern der Konsum jenseits der finanziellen Gletscherspalte, an deren Verbreiterung die Banker dieser Welt innerhalb weniger Wochen erstaunliche Fortschritte erzielt haben.

Dennoch soll hier nicht der Platz für wirtschaftsmoralische Stammtischgespräche sein, schließlich sind wir im Wahlkampf. Und da haben uns nicht nur die Politiker vertrauenswürdige Lösungsvorschlägefür den Mittelstand unterbreitet (”Reichtum für alle” – Gregor Gysi), sondern auch die zweite ehrlichkeitsbasierte Berufsgruppe unserer Zeit, die das Urdeutsche bereits im Namen trägt: die Werbefritzen. So wie Die Linke (Sorry, kein Großdruck in diesem Blog) mit Recht annimmt, dass Reichtum für alle die Armut von so manchem bekämpft, weiß die Werbung: Zugehörigkeit vermindert Separation. Daher wird in besonders anheimelnder Impertinenz Zugehörigkeit als Universalmöglichkeit suggeriert. Eine fest gedruckte Intranet-Regel des gewieften Werbedemagogen lautet: Gib den Menschen das Gefühl, dein Produkt sei ohne Weiteres zu erwerben und bringe sie in den Besitz von Werten, die nur von sentimentalkorrumpierten Bambi-Guckern als unkäuflich angesehen werden: Freundschaften, Liebe, Ansehen.

Doch auch wenn Totgesagte länger leben, leichter ist die Zugehörigkeit nach der Weltwirtschaftskrise für den Mittelstand nicht geworden. Wo im vergangenen Jahr noch in schöner Regelmäßigkeit, und besonders schön in der Vorweihnachtszeit ab Ende September, die Angebote pseudoseriöser Bankableger ins Haus flatterten, deren Kreditofferten (”5000 Euro für die Geschenke zum Fest: Zeigen Sie Ihren Lieben, wieviel sie Ihnen wert sind!”) sich als ebenso windig erwiesen wie die Wege, auf denen sie an ihre “Kunden”adressen gekommen waren, herrscht heute gähnende Leere im Briefkasten – Geldgeschenke mit gerade mal 7,5% Verzinsung kann sich heute schließlich kein Banker mit einem Minimum an lebensstandardisierter Sportwagenwürde leisten. Das macht auch für die Geschäftsinhaber die Überzeugungsarbeit schwerer. Es gilt, auch teurere Produkte an den Kunden zu bringen, und wenn der nicht mehr so leicht in die eigene Verschuldung fallen kann wie früher, muss ihm die Notwendigkeit des Besitzes eben noch stärker vor Augen gehalten werden.

In manchen Fällen ist das einfach. Der neue Slogan für eine alkoholfreie Sektmarke im Fernsehen geht direkt ans emotionale Großhirn: “Dazugehören. Rotkäppchen alkoholfrei.” Na also, geht doch. Mit einer Flasche lauer Kohlensäureplörre ist man also sofort mittendrin im Saufzentrum unserer Gesellschaft. Da man ja auch ohne Alkohol eine Menge Spaß haben kann, ist es einem schnurzepiepegal, wenn die neue, ausufernde Freundesclique mit zunehmendem Abend verbal perforierter wird und man selbst auf dem Trockenen sitzt. Zur Not kann man sich am Grillabend ja immer noch mit einem ebenfalls nüchternen Tofuwürstchen unterhalten, das eine gelben Sack für seine “Schmeckt wie Salami”-Plastikverpackung sucht.

In anderen Fällen ist es deutlich schwerer, potentielle Kunden von der Unabdingbarkeit und universellen Einsatzfähigkeit eines Produktes zu überzeugen. Brilliantringe zum Beispiel. Selbst die Liz Taylors und Gerhard Schröders dieser Welt brauchen, möchte man meinen, nicht allzuoft einen kissengepolstertes Klunker vom Gegenwert dreier durchschnittlicher Pärchenmonatsmieten. Ein Trierer Juwelierladen straft dieses Vorurteil jetzt Lügen. Zwar möchte man von mit dem neuen Alltagsluxus noch nicht allzu ofensichtlich hausieren gehen und versteckt das kleine selbstgeschriebene Werbeschildchen etwas verschämt im Innenraum. Aber an Deutlichkeit lässt man es dann doch nicht fehlen:

“Ein Brilliantring, das Geschenk für alle besonderen Lebenslagen:
Freundschaft, Verlobung, Heirat, Geburt, Scheidung ;-)”

Bevor mich nun aufgebrachte Kommentare von tausenden, auf korrekte Zitation pochenden, Lesern meines Blogs erreichen: Ja, der Smiley ist Original. Der kleine subtile Hinweis des Schmuckkomikers: IS’N SCHERZ! SPAAAAAAAAAAAAAASS!! Haha. So ‘ne Scheidung ist ja auch mal Kichern wert. Und wer den Werbezettel dennoch ernst nimmt, der kommt zumindest auf die richtige Schlussforderung: Einen Brilli kann man immer brauchen. Einfach der besten Freundin oder dem frisch geschiedenen Ex-Herzblatt in einem Glas spritlosen Rotkäppchensekt präsentieren, und schon gehört man doppelt dazu.

Wem das ein zu optimistisches Schlusswort ist, dem sei der Umkehrschluss ans Herz gelegt: Wer bis zum Ende des Jahres keinen Brilliantring am Finger trägt, ist entweder nicht geschieden, verheiratet oder verlobt – oder hat keine Freunde.

Selbst Kritik!

Paula 04.09.2009

Man muss sich nicht in enervierenden christlichen Internetforen herumtreiben oder Interviews mit Kai Dieckmann lesen, um festzustellen, dass Selbstkritik noch nicht bei jedermann angekommen ist. Viel spannender als die Frage, wo das leuchtende Banner der eigenen Infragestellung einmal aufmerksamkeitswirksam aufgestellt werden sollte, ist diejenige nach seiner Herkunft. Nicht alles, was ich mache, ist geil – ein harter, ein mutiger Satz. Aber wann fiel er zum ersten Mal? Spannende Antworten wären zu erwarten, würde man die eingangs genannten Personen(gruppen) nach ihrer Meinung fragen. Die bibelfesten Onlinedisputanten, kraft ihrer selbstgezimmerten Auslegungswahrheit jahrelanger Primärlektüre, die durch das Lesen von Anselm Grün-Geschenkbändchen widerspruchslos abgesichert wurde, würden natürlich auf Adam und Eva verweisen und einiges spräche für sie: Wie das gefallene Paradieskind und sein rippchenhaftes Sexualobjekt nach dem kräftigen Haps in den Apfel (das hat man nun von der Zahnpastawerbung!) so auf dem unkrautüberwucherten, steinigen Acker stehen, vertrieben aus dem Garten Eden, angekommen im harten Leben – das ist durchaus ein Bild, welches von einem kräftigen Biss in den eigenen Hintern und den des Gegenübers gefolgt gewesen sein könnte. Selbstkritik als erste kognitive Regung nach dem Sündenfall – sooo viel früher wäre historisch nun wirklich nicht gegangen, wenn man Gott als Unfehlbaren mal außer Acht lässt. Zufrieden mit dieser frühem Fund würden sich die Christenvertreter in ihren Diskussionsrundensessel zurücklehnen und hätten wieder mal alles richtig gemacht.

Jaaaaaa, würde dann aber Kai Dieckmann einwenden, sein schönstes Bugs Bunny-”Pöh!”-Gesicht aufsetzen und sich dunkel an seine kurze Studienzeit erinnern, in der er noch Journalist werden wollte: Damit hätten wir das Warum (Sündenfall), das Wann (Post-Paradieszeit), das Wer und grob auch das Wie geklärt…aber was ist mit dem fünften W, dem Wo? “Auf der Erde” kann’s ja wohl nicht sein, mit solch ungenauen Angaben generiert man heutzutage keine Skandaltouristen und Hexenjagden mehr. Ein bißchen spezifizierter sollte es dann schon sein, und wer sich wie ich aufgrund einer längeren Autofahrt durch die nationale Nachbarschaft einmal mit den Verkehrsreglements des Auslands näher auseinandersetzen musste, wird Kai D. (45) auch eine Antwort geben können: Der erste Fall von Selbstkritik muss in Österreich stattgefunden haben.

Es dürfte schwierig sein herauszufinden, ob Adam und Eva nun eher in der Alpenregion des Landes oder in einem schnieken Wiener Vorort standen, als sie sich gegenseitig an die Hintern gingen. Fakt ist jedoch, dass die österreichische Mentalität, trotz aller Bestimmungen und Bemühungen immer noch das Gefühl zu haben, viel zu wenig zu tun, eine späte Nachwirkung des großen Schlangen-Crashs sein muss. Und das, obwohl man selbst im kontrollgenauen deutschen Ausland von den Sonderbestimmungen der Ösis noch was lernen kann: Eine Sicherheitsweste im Innenraum des Autos ist Pflicht: Wer sich das orangene Must-Have bei einem Unfall erst außerhalb des Fahrzeugs überstreift, hat schon verloren. Ebenso derjenige, der 80 Meter vor oder nach einem Bahnübergang überholt. Eine beunruhigende Entscheidungsfreiheit hat ein österreichischer Polizist, wenn er einen Fahrer mit mehr als 0,5 Promille erwischt: Die Geldstrafen reichen von 218 bis genau 3.634 Euro. Und selbst ein Vorfahrtschild ist in Österreich kein Freifahrtschein: Wer an einem Vorfahrtsschild anhält, weil z.B. ein rechts anbrausendes Autos verunsichernd spät abbremst, verliert die Vorfahrt. Wenn’s dann kracht, tut es das für den eigenen Geldbeutel. Wer bei einem Unfall die Polizei nur zur ollen Beweissicherung antanzen lässt, ohne dass wenigstens eine (sichtbare?) Verletzung vorliegt, zahlt eine “Blaulichtgebühr” von 36 Euro. Andere Regelungen können ob ihrer Komplexität nur zitiert werden: “Die Benutzung von Spikereifen (max. 2 mm) (Höchstgeschwindigkeit Landstraße 80 km/h / Autobahn 100 km/h) ist für Fahrzeuge bis 3,5 t zGG und mit typengeprüften Stahlgürtelreifen auf allen Rädern, die den genormten Spikesaufkleber am Heck angebracht haben ( bei OEAMTC erhältlich), nur im Zeitraum 15. November bis zum ersten Montag nach dem Ostermontag erlaubt.” Puh.

Und während sich der deutsche Österreichurlauber noch rauchend im Sessel zurücklehnt und in stummer Ehrfurcht nur noch die “weiteren nützlichen Hinweise” eines Ferienanbieters liest (”Die Alpenstraßen sind vor allem auf Nebenstrecken teilweise einbahnig, reich an Kehren und erfordern oft überdurchschnittliches fahrerisches Können.”), ist das dem Österreicher alles noch nicht genug. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) weist seine eigenen Landsleute auf seiner Seite darauf hin, dass in anderen Ländern “viel strengere Verkehrsregeln” gelten als man selbst es gewöhnt sei. Martin Blum, nominell so allerweltsverbreitet wie der deutsche Kevin Müller, und durch undurchsichtige Verfahren zum “VCÖ-Experten” aufgestiegen, hätte sooo gerne von (fast) allem mehr: Höhere Promillegrenzen, höhere Geldstrafen,  dafür aber niedrigere Höchstgeschwindigkeiten. „Aus Sicht der Verkehrssicherheit wäre auch für Österreich auf Freilandstraßen Tempo 80 vernünftig“, suhlt sich Blum beispielsweise in rapider Selbstkritik, oder “Auch für Österreich wäre es sinnvoll, wenn „Don’t drink and drive“ nicht nur ein Slogan, sondern gesetzliche Regelung wäre.” Wer dann noch die Selbstanklage rechts liest, in der per Teaser auf sinnvolle Tipps für das “Fahrtziel Natur” hingewiesen wird, weil die am häufigsten gewählte Anreise mit dem Auto viel zu viel Abgase und Lärm produziere, der möchte die Ösis am liebsten in den Arm nehmen und sie vom konkurrenzgebeutelten Blick aufs europäische Ausland abhalten: Konzentriert euch doch auf euch selbst!, möchten wir rufen, ihr macht das schon super! Gott liebt euch auch so! Ach ja, und: Lest die BILD-Zeitung, wenn ihr zu uns nach Deutschland kommt! Schon wären alle Beteiligten ein bißchen (selbst)zufriedener.

Das Wort ist das Ziel

Paula 20.07.2009

Nie ist die Tempuswahl so wichtig wie beim Reden übers Hier und Gestern. Sätze und ihre artverwandten Versatzstücke, die in irgendeiner Weise mit “Nenene, wat war das noch schön, als…” beginnen, erfordern auch im weiteren Verlauf der Gesamtaussage mit unbedingter Notwendigkeit das Präteritum, sollen sie nicht mit semantisch tödlicher Bumerangwirkung auf den gesellschaftlich zurecht interpretierten Charakter des Sprechers zurückfallen – ein in “Deutsch als Fremdsprache”-Kursen unverständlicherweise vollständig vernachlässigter Aspekt der Wissensvermittlung. Dabei wird sich die assimilationsambitionierte Ausländerseele neologistisch kaum in unserem Land zurechtfinden, wenn sie nicht hinter die Oberfläche einer Sprache zu schauen lernt, deren Formen- und Bedeutungsreichtum beim häufigeren Besuch im BILDungsbereich des deutschen Printwesens nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Und so ist die teppich- und polstermöbelgeschwängerte Faulheit des Deutschen, nach außen gerne als “typical german gemütlischkeit” verkauft, mit dafür verantwortlich, dass temporale Sprachregeln außer acht gelassen werden – mit mitunter fatalen Folgen.

Man halte sich vor Augen, was passiert, wenn der zweite Teil einer “Nenene, wat war das noch schön, als…”-Aussage nicht mit einem Präteritum weitergeführt wird und danach schließt, sondern unter Umständen mit dem Konjunktiv weitermacht. Semantisch verknüpfte Folgesätze wie “Was wäre das schön, wenn nochmal..” oder “Wir sollten das wieder…” entlarven den Redenden als steinzeitlichen Spießer und zerstören unwiderruflich den Nimbus der Nostalgie, der nur ohne jeglichen Gegenwartsbezug zu strahlen beginnt. Letztlich ist Nostalgie das beglückte Schwelgen in Dingen und Zuständen, die nur zu ihrer Zeit und mit der Patina des Vergangenen wirklich schön waren; sie profitieren von der Tatsache, dann existiert zu haben, als wir vermeintlich uneingeschränkt glücklich waren. Tief in unserem Innern erkennen wir den Schwindel, und so muss der nostalgisch verklärte Blick zurück in jedem Fall auf halbem Weg in der Vergangenheit stehen bleiben, denn mit Haut und Haaren und allem, was dazugehört, wollen wir uns dann ja doch nicht ins Ewiggestrige stürzen.

Gut zu beobachten ist das zum Beispiel beim Schauen alter Filme, in denen wie aus einem Geschichtsbuch plötzlich Postkutschen, Affenschaukel-Frisuren und Telefone mit Wählscheibe durchs Bild huschen. Nenene, wie schön….aber welch ein Glück, mit normaler, handyfreundlicher Pferdeschwanzfrisur Mails verschicken zu können. Und apropos Mails: Beim Happy End-garantierten Liebesgeschmöker á la “E-M@il für dich” denkt man auch an erste Internetzeiten zurück, als der Rechner noch Einwahlgeräusche machte, und wo Aussagen wie “Du wirst es nicht glauben, aber ich habe einen Mann übers….Internet kennengelernt!” durch eine durchschnittliche Standesamtkundschaft konterkariert wurden, die den Cybersex vor dem ersten handwarmen Körperkontakt in der kinoeigenen Popcorntüte hatte. Das kann man unromantisch finden, doch die WLan-Highspeed-Flatrate macht so einiges wieder wett. Wer an dieser Stelle präteritum-missachtend die Nerven verliert und sich in alte Zeiten zurückwünscht, muss sich nicht wundern, wenn er schon bald als Dampfmaschinen-Fundamentalist verschrien ist. Tempusregeln kennen kein Erbarmen.

Eine menschliche Ausnahme kennt diese Regel: Social networks, eine durchaus kritisch zu sehende moderne Form des Freundschaftsbüchleins. Ständig läuft man hier Gefahr, von arroganten Ex-Liebschaften früherer Tage entdeckt und in enervierender Weise verbalpüriert zu werden – und schwupps ist er raus, der Gedanke “Nenene, wat war das schön, als es das noch nicht gab und man Kontakte einfach abbrechen konnte. Ich wünschte…” Auch aus dieser Krise gibt es jedoch einen Ausweg. Nicht die Aussage “Ich wünschte, das gäbe es nicht” führt hier zum gesellschaftskonformen Erfolg, sondern eine wohl gesetzte Personalisierung, die gerne auch mit starkem und semantisch inkomplexem Vokabular aufwarten kann. Denkbar wäre beispielsweise die spannungsgeladene Mischung aus lupenreinem Konjunktiv Präteritum und populistischer Adverbialkonstruktion: “Ich wünschte, du wärest nicht so ein Arschloch.” Nicht nur temporal, sondern auch rektal hat die Sprache für alles eine Lösung.

Das Erstbeste

Paula 12.08.2008

In welchem Alter Chronos, der griechische Gott der Zeit, sein erstes Wort sprach und so die Chronologie aus der Taufe hob, ist bis heute ungeklärt. Ein Grund vielleicht dafür, warum die Chronologie, in ihren Ursprüngen bereits ungewiss und schwankend, sich bis ins Alltagsleben hinein, untergraben von nostalgischer Verklärung oder effektivitätsgeleiteter Verdrängung des Menschen, als Problemfall ent-lehrt. Nur in einem kann man sich in zweifelsfreier Sicherheit wiegen: Die Gleichzeitigkeit der Kritik. So ist jeder Erfinder in der glücklichen Lage, mit jedem Auswurf seines Genius, sei er nun ideell oder substanziell, Gedanke oder Gegenstand, zugleich eine zweite indirekte Erfindung vorweisen zu können: die Kritik daran. In diesem unmittelbaren Wechselspiel von Erfindung und Entgegnung liegt das Kräftefeld der gesellschaftlichen Stabilität; es fordert Meinungsbildung und Formulierung derselben heraus, ein Für und ein Wider, für das es sich zu entscheiden gilt – selbst dann, wenn die Gesellschaft selbst, wie es seit Menschengedenken, also Adam und Eva der Fall ist, am Pranger steht.

Nun ist auch das göttliche logos zeitlich nicht ganz klar zu datieren, womit zwischen göttlichem und chronischem Spracherwerb ein bislang zu wenig gewürdigter Zusammenhang gezogen werden kann – dies jedoch nur am Rande. Wichtiger ist an dieser Stelle der Hinweis, dass durch dieses Datierungsdesiderat auch die Gesellschaftskritik zeitlich nicht auf den Tag genau festgemacht werden kann. Dennoch dürfte sie eine der ältesten und virulentesten Kritiken sein, die bis zum heutigen Tag in ungebrochener Stärke die öffentliche Meinung dominiert. Wer nichts zu sagen hat, liegt mit Gesellschaftskritik immer richtig. Der moralisch erhobene Zeigefinger, vergleichbar mit dem BWL-Studium für unentschlossene Abiturienten oder Pralinenmischungen für ratlos Schenkende am Großmuttergeburtstag, ist ein Joker im Hemdsärmel des verbalen Drängers, dessen Gedankengänge noch nicht für den großen thematischen Wurf, wohl aber für gepflegte Kritik am Gebahren unserer Zeit ausreichen.

In der Folge kann diese mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen oder mit müdem Lächeln zwar registriert, aber als redundant verworfen werden. Kaum denkbar ist es jedoch, dass der Gesellschaftskritik selbst ihre Existenzberechtigung abgesprochen wird, vorausgesetzt, sie hält sich an die Regeln anderer Zeigefinger, die die Diskussionskonformität überprüfen. Ansonsten akzeptiert die Gesellschaft die Kritik an ihr, weiß sie doch um den chronologischen Ursprung ihrer Zwillingsschwester. Nur eines fordert sie ein, ebenso wie sie dies bei jeder anderen Form der Kritik tut: die Widerspruchsfreiheit. Die Stabilität des Kräftefeldes benötigt die Entscheidung, Für oder Wider, eine Meinung, die weder wohlformuliert noch innovativ sein muss, aber doch bitte eindeutig.

Hierin liegt einer der wesentlichen Gründe, warum Polit-Talkshows in der Vergangenheit noch stärker in den hiesigen TV-Kritiken attackiert wurden als von Beginn an (ja, auch hier greift die Regel): Klar formulierte Meinungen blieben zumeist aus. Nicht das heillose Durcheinander, die Hilflosigkeit der Moderator(inn)en und die immer gleichen Gesichter waren das hauptsächliche Problem, sondern die Fragezeichen über den Köpfen der Nation, die nach einer solchen Sendung bedrohlich an Ausmaß zugenommen hatten. Die Ungewissheit, welche Meinung die beteiligten Politiker nun wirklich vertraten und welcher man selbst am ehesten anhängen könne, kostete die entsprechenden Shows nach und nach Einschaltquoten, an deren letztendlicher Absturz man sich, chronologisch betrachtet, kaum noch erinnern konnte.

Ein Heilmittel scheint in der letzten Zeit die erneute Rückkehr zur Fundamentalkritik zu sein, die sich wieder an den alten Themen der Menschheit angliedert, um möglichst allumfassend die Zuschauerschaft zu binden. Und da sich weder Äpfel noch Schlangen oder Paradiese wirklich abendfüllend kritisieren lassen, muss eben wieder die Gesellschaft herhalten. “Hart aber Fair” versucht es morgen mit einer Sendung, die sich schon in ihrer Programmankündigung vor entrüstetem “Ja, genau!”-Kopfnicken des Zuschauers kaum wird retten können: Über die Bilder rennender, schwimmender und kämpfender Sportler fragt die besorgt-hintergründige Stimme aus dem Off “Doping ist Pfui – empört zeigen wir auf unsaubere Sportler. Dabei gilt in der ganzen Gesellschaft: Höher, schneller, weiter – um jeden Preis. Nachhilfe schon für Grundschüler, Aufputsch- und Beruhigungsmittel in Studium und Job. Welche Opfer muss man dafür bringen? Und wer kann es sich noch leisten, Leistung zu verweigern?” Ja, genau! Wer kann sich das noch leisten, fragt der ebenfalls besorgt-hintergründige Nichtsportler und erinnert sich seines eigenen medikamentösen Missbrauchs, der heute noch in Aspirin und Grippostad seine häßlichen Spuren im Medizinschrank hinterlässt.

Vor lauter Selbstbetroffenheit und reumütigen Spontanplänen zur Umkehr bemerkt der erwachte Gesellschaftskritiker beinahe zu spät, dass die Programmankündigung für den morgigen Abend schon nahtlos in die ARD-Eigenwerbung übergegangen ist, die sich natürlich der goldmedaillen-verdächtigen Olympiaübertragung widmet. “Schneller laufen, schneller springen, schneller kämpfen” ist dort zu lesen, gefolgt von dem altbekannten ARD-Logo und der Maxime “Erster sein”.  Das nennt man dann wohl rückkoppelnde Gleichzeitigkeit: Eine Kritik bringt zugleich auch die eigene Auflösung durch Zustimmung zu sich. Nicht widerspruchsfrei, aber chronologisch interessant, liebe ARD.

 

http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2008/20080813.php5?akt=1

Null komma nix

Paula 08.08.2008

Es ist Zeit für die Verteidigung des nur durch die apathische Glotzgegenwart der Massen legitimierten Angeklagten namens Privatfernsehen. Vor 20 Jahren noch der Li-La-Laune-Held des samstagmorgendlichen Kinderfernsehens, gepriesen von noch verschlafenen Eltern am Frühstückstisch, die dank pausenloser bunter Dauerbeschallung des Nachwuchses ihre eigene Koffeinverkostung ungestört vorantreiben konnten, und geliebt von Fans der holländischen Taubenromantik Marke Traumhochzeit oder den Anhängern amerikanischer Highway- und Weltraumdramatik, in der Goldketten-T aus dem A-Team und Spitzohren-Spock aus dem Raumschiff, Trapper John aus dem Krankenhaus und Brendonlina aus Beverly Hills für unfreiwillig komische Ordnung sorgen konnten. 

 

Doch Mitte der 90er änderte sich die öffentliche Meinung – das BILD-Prinzip (”Stell dir vor, eine Zeitung hat eine Auflage von 8 Millionen, aber keiner will sie selbst jemals gelesen haben”) fand seine Adaption im Privatprogramm. Nicht zuletzt das exponentielle Wachstum an den verschiedensten medienwissenschaftlichen Studiengängen, meist nur geeint durch ihren vergleichbar unkoordinierten Aufbau und desinteressierten Lehrapparat, führte zu aufdringlich oberschichtigen Diskussionen um das niedere Qualitätsniveau “der Privaten”, dem man sich nicht aussetzen dürfe; “Tagesschau”, “Monitor” und bestenfalls “Aktenzeichen XY…” waren die (zumindest nach außen getragenen) Sendungen, die man selbst angeblich im Fernsehen anschaute – ausschließlich selbstredend. Insbesondere bemängelte man die Oberflächlichkeit, das geistige Flachtauchen des durchweg boulevardistisch eingefärbten Plebejerprogramms, und wenn man denn durch unbedachte Äußerungen doch seine Kenntnisnahme gewisser Sendeformatdetails wusste, dann doch bitteschon nur deshalb, weil der Kulturteil der FAZ darüber berichtet hatte. Nun gut, und durch eigene Anschaunung…aber doch nur zum kurzzeitigen Gruseln ob der massenmediale Verblödungsmaschinerie, die tatsächlich zum Beifall angeregt hätte. Also die anderen.

Doch wo, fragt der fassungslose Intellektuelle seither, wo erfüllt das Privatfernsehen seine wahre Bildungspflicht? Wo werden die wichtigen Antworten der Gesellschaft gegeben? Man erwarte ja wirklich nicht zuviel, die Frage nach Sein und Bewusstsein hätten schließlich schon Faust und Marx geklärt, aber wo, bitte, seien die Antworten auf die politischen und kulturellen Umtriebe unserer Zeit? Wie habe sich eine Doppelnull wie Bush in den USA, eine korrupte Null wie Berlusconi in Italien oder eine gelbe Null…verzeihung, 18…wie Westerwelle in Deutschland politisch halten können? Wie ein Schnappi oder Schnuffel musikalisch (insofern man das Wort benutzen könne)? Und wieso durfte Lothar Matthäus einen Trainerschein machen?

Oder die Frage, die all dies im Innersten zusammenhält: Warum setzt sich das Mittelmaß vor die Spitze und die Pfeife vor die Trompete? Welche Existenzberechtigung hat ein Medium, das sich diesen existentialistischen Fragen nie stellt? Und – um die ketzerischen Einwürfe der Gegenpartei zu berücksichtigen – kann Etwas, das selbst eine Pfeife ist, die Pfeifenfrage überhaupt versuchen zu beantworten, obwohl es sich dadurch selbst die Luft abdrehen würde?

Allen diesen Gegnern seien ihre hinterlistigen Anschuldigungen an dieser Stelle um die Ohren gehauen. Denn in einem der allein durch Sonya Kraus’ regelmäßig zur Schau gestellten Oberweite privatesten aller Privatsender, Pro7, wurde im Nachmittagsprogramm eine Antwort auf alle obigen Probleme gefunden. Bei einer Umfrage nach der Lieblingszahl der Deutschen antwortete eine ältere Dame: “Die Null.” Mit der tiefsinnigen Begründung: “Weil sie sich mit allem kombinieren lässt.” Und das lässt sich anhand des Trainerhoppings von Lodda (unvergessen bleibt neben seinen offiziellen Stationen seit 2001/2002 ja das Traineramt für Borussia Banana) eindrucksvoll beweisen.

Danke Pro 7!