Archiv für die Kategorie 'Kuriositätenkabinett'

Warm geschossen

Paula 11.06.2008

Lyrik hin, Legende her: das einzige L, das der moderne Mensch zweieinhalbtausend Jahre nach Sappho mit der bedeutendsten Lyrikerin der griechischen Klassik verbindet, ist das der Lesbe. Hätte der guten adligen Verseschreiberin klar sein müssen: Wer sich nicht anständig darum kümmert, dass seine Werke auf mehr als auf Tonscherben und versprengten Papyri überliefert werden und sich in diesen Fragmenten auch noch ständig über die homoerotische Liebe zwischen Frauen bezieht, kann nur tatenlos zusehen, wie sich die Nachwelt auf der Suche nach Bezeichnungen für x-chromosom-geschwängertes Beziehungschaos auf die eigene Biographie stürzt. (Schließlich hat jeder ein recht auf Kategorisierung, und wollte man vergleichbares für heterosexuelle Liebesmätzchen leisten, hätte man einfach zu viel Auswahl.)

Also musste die gute Sappho, die einen großen Teil ihres Lebens auf der Insel Lesbos verbrachte, mit Name und Hausnummer herhalten: “Sapphisch” oder “lesbisch” bereichert seitdem den Wortschatz jeder halbwegs gesellschaftskritischen und Toleranz predigenden Diskussionsrunde auf den Dritten Programmen - auch wenn kaum noch jemand weiß, wo’s herkommt. Und sollte der Nachbar von seinem außergewöhnlichen Urlaubsziel in der Ägäis berichten, wird er höchstens auf giggelnde Verwunderung ob des zweideutigen Namens treffen - was beim Titisee aber nicht anders ist. 

Doch egal, ob nun die Insel auf die Liebespräferenz bezogen wird oder umgekehrt: Die Bewohner der Insel nervts. Und das, weil sie sich in ihrer Landessprache eben auch Lesben nennen, obwohl die Zahl heterosexueller Eheschließungen absolut im Normalmaß liegt. Das Copyright, so argumentieren sie, liegt doch nun mal bei den “Normalos”, und deshalb soll eine Gruppe griechischer Homosexueller das Adjektiv “lesbisch” aus ihrem Namen streichen. Warum genau sie sich angegriffen fühlen, wenn Kurzschluss-Kleinhirne tatsächlich annehmen, Lesbos sei als eine Art Kolonie schwanzloser Beziehungsvorstellungen anzusehen, verraten sie nicht. Aber lächerlich ist das Ganze natürlich schon, vor allem auch deshalb, weil die guten Lesben vor ihrer Beschwerde ihr Wiki offensichtlich nicht richtig durchgelesen haben. Deutlich ist da doch zu lesen: “Die Bewohner der Insel werden an das Neugriechische angelehnt auf deutsch als Lesvioten oder Lesvier, nicht als Lesbier bezeichnet.” Warum also der Streit? Etwa, weil wir Deutschen die einzigen sind, die sprachlich sauber trennen? Reicht doch! Wir sind jedenfalls raus aus der Sache. Hah! Humanistisches Bildungsgut schützt eben doch vor sprachlichen Rechtsstreitigkeiten.

Damit kann der diesjährige Griechenlandurlaub kommen. Könnte ohnehin sein, dass wir dorthin ausweichen müssen. Das hängt vor allem davon ab, ob die Bewohner des kleinen Dörfchens Tunte bei San Bartolomé auf Mallorca sich mit ihrer Berufung auf die Menschenrechte durchsetzen können. Eine entsprechende Klage ist jedenfalls nur eine Frage der Zeit.

Stehend k.o.

Paula 01.05.2008

Ein schönes Beispiel feenhafter Übereilung erreicht uns heute aus der chilenischen Hauptstadt. In dem vermutlich erfahrungsbezogenen Wissen, dass sich Männer beim Gewähren von vier Wünschen vier Mal das Gleiche erbitten würden, kündigte Santiagos Bürgermeister Gonzalo Navarrette in bester Wunschfee-Manier an, vier Viagra-Pillen pro Monat an ältere Männer über 60 verteilen zu wollen, die sich laut der Zeitung „Las Ultimas Noticias“ bei ihm beschwert hatten, zu wenig Sex zu haben. Aus tiefem Verantwortungsgefühl heraus wolle Navarrette die Lebensqualität der Hieb- und Stichlosen steigern.

Ungeklärt ließ er allerdings die Frage, auf welches Zielobjekt sich die wiedererstarkten Schusslanzen der Guerreros richten sollen. Im Falle eines fehlenden Drogenäquivalents auf weiblicher Seite, mit dem sich die spanischen Damen notfalls die – im Gegensatz zum Exekutivorgan durch die Jahre unveränderlich stehenden, ja sogar sich verstärkenden – Körperdefizite der Männer schön- oder wegberauschen können, verlagert sich das Jagdproblem unter Umständen einfach nur. In nicht allzu ferner Zukunft könnte sich Navarrette mit Klagen konfrontiert sehen, die eine Modifizierung oder Ausweitung seines unbedachten, da zu wenig spezifizierten Geschenks einfordern. Und nur der Himmel mag wissen, wie das stark katholisch geprägte Land auf Klagen der vierfach omnipotenten Opas reagiert, zu wenig Sex mit Frauen zu haben…

Tragische Trägheit

Paula 13.06.2007

Entgegen anders lautender Maximen in Dale Carnegie-Büchern und Sendungen mit Nina “Alles wird gut” Ruge lohnt es sich, über Tragik nachzudenken. Und wer es sich leisten kann - sei es, weil er im kontemplativen Sinnieren über die Kurzlebigkeit aufgeschlagenen Milchschaums oder die sich veräußernde Inhaltlosigkeit von Dschungelcamp-Bewohnern bereits am Ende des kognitiv Möglichen angelangt ist, sei es, weil sich die wahre menschliche Havarie bei aller vorauseilender Überlegung nicht verhindern lässt, wie man an der alljährlich sich wiederholenden Entrüstung gegenüber der angeblich qualitätsblockierenden Punktlandungen des Grand-Prix-Ostens oder der quantitätsorientierten Scheckladungen sich selbst abfindender Firmenchefs sieht - ja, wer es sich dann noch leisten kann, der geht über den begrenzten Kosmos humaner Miseren hinaus und widmet sich den tierischen Tragiken des Lebens.

An einem solch denkwürdigen Tag menschlicher Selbstveräußerung im Freundeskreis kam es zur Imagination folgender Szenerie: Eine Schnecke möchte eine Straße überqueren - warum, soll an dieser Stelle angesichts ähnlicher Kausalbetrachtungen über Hühner, die sich meist im halbgaren Zitieren populärer Theorien toter prominenter Wissenschaftler erschöpften, übergangen werden. Auf langer gerader Strecke sieht sie in einiger Entfernung ein sich langsam, aber stetig näherndes Auto. Begründet in der dramatischen Koinzidenz physischer schleimbedingter Langsamkeit und psychischer, instinktbedingter Wachsamkeit wird die Schnecke demzufolge eine kleine Ewigkeit von circa einer halben Minute in der Sicherheit des kommenden Unglücks ausharren müssen, ehe sich das unbarmherzige Profil des Todes (der Sensenmann aus den guten alten Legenden kommt, wie mir ein um seine Nutz-und Blühpflanzen besorgter Hobbygärtner vor einiger Zeit an anderer Stelle verkündete, nur noch bei Gartenschnecken vor - wenn auch hier mit dem insbesondere für die Überlebenden unansehnlichen Pech, dass nicht nur der Lebensfaden, sondern gleich der gesamte Schneckenkörper durchtrennt wird) wie ein Stempel auf ihr nacktes Dasein drücken wird - in welchem sie mit einiger Verzweiflung noch bestenfalls 25 Zentimeter mit sich voran gekommen sein wird.

Dieser wahren Tragik scheint man von Menschenseite bislang kaum das ihr eigentlich zustehende Interesse gewidmet zu haben - und das obwohl die Schnecke an und für sich dem Menschen in vielen Bereichen ähnlich ist. Allein ihre Vorliebe für Bier und Lethargie lässt sie vielen unseren samstäglichen Frühschoppern und arbeitsunfähigen Erkältungsopfern an Brückentagen ähnlicher werden, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und auch die von Sexualwissenschaftlern ins Feld geführte zwitterhafte Geschlechtslosigkeit der Schnecke ist in Zeiten von Metro- und Transsexualität kein fundamentales Unterscheidungsmerkmal mehr. Dass bislang dennoch keine Schnecke eine Karriere im Pornogeschäft machen konnte, vermag jedoch nur auf den ersten Blick zu erstaunen. Schließlich zeigt das obige Beispiel, dass bei den Weichtieren der Geist willig und das Fleisch schwach ist - in Sexfilmen sind genau genau die umgekehrten Qualitäten gefragt.

Das Göttliche in der Handtasche

Paula 12.06.2007

Es gibt Nachrichten, die uns beruhigen. Sie rücken unser Weltbild wieder gerade, indem die Bösen bestraft und die Guten belohnt, die Ungerechtigkeit bekämpft und der Frieden befördert, Idealismus gelebt und Egomanie unterdrückt wird. Sie lassen uns daran glauben, dass wir nicht nur die berüchtigte Bestie in Menschengestalt sind, sondern - die einen mehr, die anderen nicht zuletzt wegen der fantastischen Fortschritte plastischer Chirurgie weniger - Menschen in Bestiengestalt sind, die gar nicht so niederträchtig sind, wie uns die nach außen schockierten Kommentatoren medialer Moralinstanzen glauben machen. Und sie bestärken uns in der Annahme, dass die Welt selbst in Zeiten des gelebten Atheismus einen göttlichen Funken atmet, der die ihr innewohnende Werkgerechtigkeit immer wieder einmal aufblitzen und an ihren, in ferner, aber existierender Zukunft sich durchsetzenden Kampfgeist glauben lässt.

Ja, solche Nachrichten gibt es. Und wer glaubt, dass ihre große Zeit seit dem Fall der Berliner Mauer oder der Enttarnung Milli Vanillis vorbei sei, wurde dieser Tage wieder eines Besseren belehrt. Nach Wochen heftiger Diskussionen, pseudo-empirischer Bürgerbefragungen und grenzüberschreitender Empörung über die sexuelle Orientierung der Teletubbis ist Polens Kinderbeauftragte Ewa Sowinska nun zu einem Ergebnis gekommen, dessen Kernaussage msn.com in den bedenkenswerten Satz goss: “Tinky Winky ist nicht schwul und darf seine Handtasche behalten.”(1. Juni 2007) Die Stoßrichtung der bewundernswert aufmerksamen Psychologin, die sich gemäß ihrer berufsbedingten Toleranz und Menschenkenntnis bereits einige Tage zuvor für ein generelles Berufsverbot für Homosexuelle ausgesprochen hatte, die Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben, zielte also auf den liebenswert lilafarbenen Vertreter der stets gutgelaunten Plüschtruppe, der zusammen mit seinen vier Brabbelbrüdern in einem stark simplifizierten Auenland fern jeglicher weltlicher Problembehaftung lebt. Wobei genau in dieser Bruderschaft der Knackpunkt für Sowinska lag: “Ich habe bemerkt, dass Tinky Winky eine Handtasche trägt, aber mir war nicht bewusst, dass er ein Junge ist. Später habe ich erfahren, dass da ein homosexueller Zusammenhang verborgen sein kann.”

Diese Schlussfolgerung ist für den unbedarften Laien zunächst einmal von höchst erinnerungswürdiger Alltagstauglichkeit. Merke: Männer in purpurfarbener Fleidung mit Reflektoren auf der Brust, die sich lustige Hüte aufziehen, den ganzen Tag umhertanzen, singen und Handtaschen tragen, könnten in homosexuellen Zusammenhängen stehen. Dennoch hat Sowinska dabei ein wichtiger Punkt übersehen, die die Gefahr der kindlichen Geschlechtsentwicklung wieder in entscheidendem Maße mindert: Die Zielgruppe der 0 bis 3-Jährigen, die in ihrem überbordenden Streben nach ersten sexuellen Orientierungspunkten selbstredend den homosexuellen Subtext von Männern mit Handtaschen verstehen und für sich annehmen, bemerken jedoch im gleichen Gedankenzug die parallel-unbewusste Nebeninformation der Farbe Lila: Nämlich dass dieser Kerl dort im Fernsehen zwar schwul, aber auch sexuell unbefriedigt ist - und auch diesen mehr als glücklosen Zustand auf die Handtasche zurückzuführen, ist mehr als nur naheliegend. Und in dem Moment, in dem das Kleinkind daher für sich beschließt, die Finger von Handtaschen zu lassen, entschwindet auch das Liebes- und Leibesmartyrium der Homosexualität - denn so erschreckend einfach laufen nun einmal die menschlichen Erotikentwicklungen ab.

Unabhängig obiger Entwarnungsversuche mag jedoch die Frage erlaubt sein, ob Tinky-Winky wirklich ein Mann ist. Im Zuge des menschlichen Bestrebens nach Ausgeglichenheit zumindest in der fröhlich-bunten Welt psychodelischer Kinderunterhaltung wäre eine geschlechtsäquivalente Ausrichtung der vier Teletubbies viel wahrscheinlicher - zumal just zwei der grenzdebilen Kicherflummis längliche Phallussymbole auf den Mützen tragen. Ein zu starkes Eingehen auf die Symbolkraft des ausgehöhlten Dreiecks auf Tinky-Winkys Kopfbedeckung würde die Anstandsgrenze an dieser Stelle aufs Massivste unterschreiten und sei daher der schmutzigen Gedankenwelt des Lesers überlassen. Belassen wir es bei der Feststellung, dass dem derart gezeichneten Wesen das Tragen einer Handtasche nun wirklich erlaubt sein sollte. Dank deshalb an msn für diese Nachricht und dem Staate Polen für seine Entscheidung. Sie erscheint als wahrer Ausfluss gerechtigkeitsliebender Eingebung in dieser ruchlosen Welt sexueller Offenherzigkeit - wie beruhigend.

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