Wien-Splitter 5: Freie Fahrt für freie Werbung
Paula 04.10.2009
Überzeugte Motorisierungsfans und Wandermuffel können ihre Abwehr fußgestützter Erkundungstouren durch Wien mit dem Hinweis auf den 18. Februar 1853 wunderbar rechtfertigen. An diesem Tag wurde sozusagen der Vorläufer aller Dolchstoßlegenden in die blutige Tat umgesetzt, als Kaiser Franz Joseph I. bei einem gemütlichen Gang durch die Kärntnertor-Bastei von einem ungarischen Schneidergesellen hinterrücks angegriffen wurde und nur durch das beherzte Eingreifen seines Adjutanten und eines Fleischhauers vor einer spitzfindig-tödlichen Stichverletzung bewahrt werden konnte. Trotzdem: Die Wunde am königlichen Hinterkopf war seitdem der blutige Beweis der unsportlichen Tatsache, dass Spaziergänge durch Wien tendenziell viel zu gefährlich sind.
In den Zeiten vor Inflation und Weltwirtschaftskrise war die glückliche Rettung des damals 22jährigen Kaisers mit ein paar lumpigen Verdienstorden und Adelstiteln für Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef Ettenreich, mit einer kleinen Hinrichtung und einem mickrigen Staatsbankett als Ausdruck durchlauchter Dankbarkeit natürlich nicht abgegolten. Sooo viel mehr Geld hatte man zwar auch damals nicht, aber der noch nicht in fast panikhaften Kirchenaustritten zerstreuten Christengemeinde konnte die Notwendigkeit eines deutlich größeren Gunstbeweises an ganz Oben noch argumentativ zwingender vermittelt werden. 300.000 dankbare Wiener Bürger spendeten schließlich genug, um ein neues Gotteshaus namens “Votivkriche” aus dem Boden zu stampfen – noch heute ein fremdwortlastiger Eigenname, der Reiseführerverlage mit Dankbarkeit erfüllt, weil er sich auf dem ohnehin schon eng beschriebenen Stadtplan in DinA5-Größe deutlich besser einfügen lässt als “Weihegeschenkkirche” oder “Dankbarkeitsbekundungskirche”.
Heute, gut einhundertsechsundfünfzigeinhalb Jahre später, ist “eines der bedeutendsten neugotischen Sakralbauwerke der Welt” (Wikipedia) auf dem besten Weg, der krisengeschüttelten Außenwelt auch weiterhin Hoffnung zu geben. Gut, der Kaiser wohnt jetzt bei Bayern, die Spenden werden von Tsunamis aus dem Land gespült, und Afghanistan und Gammelsteaks haben auch das Vertrauen in früher ehrenwerte Berufe wie Adjutanten oder Fleischhauer deutlich erschüttert. Trotzdem gibt es etwas, was wir aus dem Attentat heute noch lernen können: Das Auto ist die sicherere Alternative. Dies scheint den katholischen Verantwortlichen in der österreichischen Hauptstadt derart wichtig zu sein, dass sie – ohne extra auf ein Jubiläumsjahr zu warten – die Lehren des Dolchstoßes säkularisierend unter die Leute bringen wollen. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich die Automobilindustrie eine Werbefläche anmieten konnte, bei der sich selbst gotteslästernde Architekturverächter verwundert die Augen reiben: Direkt an der Fassade, meterhoch, mit besten Blick auf eine der größten Straßenbahnhaltestellen nahe des 1. Bezirks: das Schottentor.
Sieben Jahre Garantie (gegen Attentate, möchte man hinzufügen), bietet der schicke Neuwagen, und verschweigt damit geflissentlich, dass ein anderer österreichischer Franz mit angeblicher Attentatsicherheit bei Autoausflügen 1914 recht schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber das war schließlich nicht in Wien, sondern in Sarajevo, und so müssen sich die katholischen Kirchenplakatierer lediglich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie der Automobilindustrie die weihe- und würdevolle Sakralfassade zu deren verzweifelten Opferung sechs(?)stelliger Summen überlassen hat, um sich am Auspuff noch irgendwie aus der Krise zu ziehen. Geschichtlich passender wäre natürlich eine Werbeanzeige für Nackensteaks, wobei unterm Glockenturm noch Platz für’s österreichische Bundesheer wäre. Graf O’Donnell und Fleischhauer Josef hätte es gefreut.


