Wien-Splitter 1: Da bin ich also
Paula 14.09.2009
Es gibt literarische Zitate, die so abgegriffen sind, dass ihr ursprünglich ernsthafter Aphorismencharakter nicht nur in den Logensesseln gediegener Opern- und Theaterkreise vollständig unterwandert worden ist, sondern auch auf Parkett- und semikulturellem BWLer-Niveau. Von daher sollte es jedem Germanisten die Schamesröte ins Gesicht treiben, beim Eintippen obiger Überschrift unwillkürlich an Faust und seinen verzweifelten Torheits-Monolog im ersten Auftritt zu denken. Schnell wird also der ausgelutschte Reim “Da steh’ ich nun, ich armer Tor / und bin so klug, als wie zuvor” zur unverfänglichen “Da bin ich also”-Überschrift verkürzt und verändert. Es hätte ja auch rein kontextmäßig nicht gepasst. Schließlich ist Faust (verständlicherweise) frustriert, weil er nach fast allen wichtigen Studiertätigkeiten noch immer nicht am Ziel der Erkenntnis angekommen ist. Er befindet sich an einem Ende und weiß nicht, wofür er das eigentlich alles auf sich geladen hat. Gut, letzteres kann ich nachvollziehen, während ich mit einem bleischweren Koffer die Straßen entlanghechle und mal wieder die Erfahrung mache, dass fünf Zentimeter auf der Karte fünf Kilometer in der Realität ausmachen können und die ständigen Berge zwischendrin wohlweislich verschweigen. Aber ansonsten haben Faust und ich uns gerade ziemlich auseinandergelebt. Nach ebenfalls mehreren Studiengängen (die meisten glücklicherweise abgeschlossen) und einigen Frustrationen stehe ich schon wieder an einem neuen Anfang, und der heißt: Drei Monate Archivaufenthalt in Wien. Zum Erfolg verdammt gewissermaßen. Für den Gegenwert eines schnuckeligen Kleinwagens in Zeiten der Abwrackprämie, 194 Schwarzfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder ca. 10.000 Kürbiskernbrötchen wollen die SFB-Verantwortlichen meiner Uni was geboten kriegen. Da bislang kaum jemand die Briefe und Schriftstücke eingesehen hat, die mich interessieren, bliebe mir zur Not das phantasievolle Neugestalten nicht gefundener Fundstücke. Das beruhigt schonmal. Ich will schließlich nicht erkenntnislos wie Faust wieder nach Hause fahren.
Aber mein Anspruch muss natürlich ein anderer sein. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin! Jawoll! Und weil Wien ja DIE Stadt für Kunst und Kultur ist, muss nebenbei auch noch Programm stattfinden. Kaum eine Reaktion auf meine Reisepläne, in der im Vorfeld nicht ein Satz wie “Hach, wie herrlich! GERADE für DICH als kulturell interessierten Menschen wird das HERRLICH!” Bei so vielen Betonungen in einem Satz hatte man zeitweilig das Gefühl, in einem Marvel-Comic versetzt worden zu sein. Und natürlich eine zweite Erwartungskulisse, die möglichst schnell mit konkreten Museumsbeständen ausstaffiert werden wollte: Welche Museen hast du dir schon angesehen? Welches zuerst? Und welches ist am interessantesten?
Zumindest für die letzte Frage habe ich bereits einen Favoriten. Das erste Museum, das mir in Wien ins Auge fiel, war, nein, nicht der riesige Komplex des Kunsthistorischen Museums, auch nicht sein architektonisches Ebenbild direkt nebendran, das Naturhistorische. Auch nicht die Albertina, nicht das Historische, nicht das Jüdische Museum (ja, richtig: auswendig gelernt habe ich sie schon), sondern – zu Unrecht versteckt in einer Seitengasse nahe des Westbahnhofs – das “Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch”. Einige Häuser nebenan findet sich dann ein Puff. Mit Wiener Kultureinrichtungen ist es eben ein bißchen so wie mit Faust und Mephisto: Es kommt zusammen, was zusammengehört.


