Wien-Splitter 1: Da bin ich also

Paula 14.09.2009

Es gibt literarische Zitate, die so abgegriffen sind, dass ihr ursprünglich ernsthafter Aphorismencharakter nicht nur in den Logensesseln gediegener Opern- und Theaterkreise vollständig unterwandert worden ist, sondern auch auf Parkett- und semikulturellem BWLer-Niveau. Von daher sollte es jedem Germanisten die Schamesröte ins Gesicht treiben, beim Eintippen obiger Überschrift unwillkürlich an Faust und seinen verzweifelten Torheits-Monolog im ersten Auftritt zu denken. Schnell wird also der ausgelutschte Reim “Da steh’ ich nun, ich armer Tor / und bin so klug, als wie zuvor” zur unverfänglichen “Da bin ich also”-Überschrift verkürzt und verändert. Es hätte ja auch rein kontextmäßig nicht gepasst. Schließlich ist Faust (verständlicherweise) frustriert, weil er nach fast allen wichtigen Studiertätigkeiten noch immer nicht am Ziel der Erkenntnis angekommen ist. Er befindet sich an einem Ende und weiß nicht, wofür er das eigentlich alles auf sich geladen hat. Gut, letzteres kann ich nachvollziehen, während ich mit einem bleischweren Koffer die Straßen entlanghechle und mal wieder die Erfahrung mache, dass fünf Zentimeter auf der Karte fünf Kilometer in der Realität ausmachen können und die ständigen Berge zwischendrin wohlweislich verschweigen. Aber ansonsten haben Faust und ich uns gerade ziemlich auseinandergelebt. Nach ebenfalls mehreren Studiengängen (die meisten glücklicherweise abgeschlossen) und einigen Frustrationen stehe ich schon wieder an einem neuen Anfang, und der heißt: Drei Monate Archivaufenthalt in Wien. Zum Erfolg verdammt gewissermaßen. Für den Gegenwert eines schnuckeligen Kleinwagens in Zeiten der Abwrackprämie, 194 Schwarzfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder ca. 10.000 Kürbiskernbrötchen wollen die SFB-Verantwortlichen meiner Uni was geboten kriegen. Da bislang kaum jemand die Briefe und Schriftstücke eingesehen hat, die mich interessieren, bliebe mir zur Not das phantasievolle Neugestalten nicht gefundener Fundstücke. Das beruhigt schonmal. Ich will schließlich nicht erkenntnislos wie Faust wieder nach Hause fahren.

Aber mein Anspruch muss natürlich ein anderer sein. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin! Jawoll! Und weil Wien ja DIE Stadt für Kunst und Kultur ist, muss nebenbei auch noch Programm stattfinden.  Kaum eine Reaktion auf meine Reisepläne, in der im Vorfeld nicht ein Satz wie “Hach, wie herrlich! GERADE für DICH als kulturell interessierten Menschen wird das HERRLICH!” Bei so vielen Betonungen in einem Satz hatte man zeitweilig das Gefühl, in einem Marvel-Comic versetzt worden zu sein. Und natürlich eine zweite Erwartungskulisse, die möglichst schnell mit konkreten Museumsbeständen ausstaffiert werden wollte: Welche Museen hast du dir schon angesehen? Welches zuerst? Und welches ist am interessantesten?

Zumindest für die letzte Frage habe ich bereits einen Favoriten. Das erste Museum, das mir in Wien ins Auge fiel, war, nein, nicht der riesige Komplex des Kunsthistorischen Museums, auch nicht sein architektonisches Ebenbild direkt nebendran, das Naturhistorische. Auch nicht die Albertina, nicht das Historische, nicht das Jüdische Museum (ja, richtig: auswendig gelernt habe ich sie schon), sondern – zu Unrecht versteckt in einer Seitengasse nahe des Westbahnhofs – das “Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch”. Einige Häuser nebenan findet sich dann ein Puff. Mit Wiener Kultureinrichtungen ist es eben ein bißchen so wie mit Faust und Mephisto: Es kommt zusammen, was zusammengehört.

Ich gehöre nicht dazu

Paula 06.09.2009

Nein nein nein, die Wirtschaftsexperten der Öffentlich-Rechtlichen haben Unrecht: Auch wenn in Dokumentationen, Reportagen und Brennpunkten immer wieder sein unaufhaltsamer Konkursexitus beschworen wird, gibt es ihn doch noch: den Mittelstand in Deutschland. Und solange noch ein letzter Vertreter seiner Art für Statistiken zur Verfügung steht, klammern sich die Marketingscouts auf ihrer Suche nach der werberelevanten Zielgruppe an ihn wie die Hausfrauen an den Socken-SSV. Schließlich ist in der Krise nicht der Luxusgüterverkauf der oberen Zehntausend das Problem, sondern der Konsum jenseits der finanziellen Gletscherspalte, an deren Verbreiterung die Banker dieser Welt innerhalb weniger Wochen erstaunliche Fortschritte erzielt haben.

Dennoch soll hier nicht der Platz für wirtschaftsmoralische Stammtischgespräche sein, schließlich sind wir im Wahlkampf. Und da haben uns nicht nur die Politiker vertrauenswürdige Lösungsvorschlägefür den Mittelstand unterbreitet (”Reichtum für alle” – Gregor Gysi), sondern auch die zweite ehrlichkeitsbasierte Berufsgruppe unserer Zeit, die das Urdeutsche bereits im Namen trägt: die Werbefritzen. So wie Die Linke (Sorry, kein Großdruck in diesem Blog) mit Recht annimmt, dass Reichtum für alle die Armut von so manchem bekämpft, weiß die Werbung: Zugehörigkeit vermindert Separation. Daher wird in besonders anheimelnder Impertinenz Zugehörigkeit als Universalmöglichkeit suggeriert. Eine fest gedruckte Intranet-Regel des gewieften Werbedemagogen lautet: Gib den Menschen das Gefühl, dein Produkt sei ohne Weiteres zu erwerben und bringe sie in den Besitz von Werten, die nur von sentimentalkorrumpierten Bambi-Guckern als unkäuflich angesehen werden: Freundschaften, Liebe, Ansehen.

Doch auch wenn Totgesagte länger leben, leichter ist die Zugehörigkeit nach der Weltwirtschaftskrise für den Mittelstand nicht geworden. Wo im vergangenen Jahr noch in schöner Regelmäßigkeit, und besonders schön in der Vorweihnachtszeit ab Ende September, die Angebote pseudoseriöser Bankableger ins Haus flatterten, deren Kreditofferten (”5000 Euro für die Geschenke zum Fest: Zeigen Sie Ihren Lieben, wieviel sie Ihnen wert sind!”) sich als ebenso windig erwiesen wie die Wege, auf denen sie an ihre “Kunden”adressen gekommen waren, herrscht heute gähnende Leere im Briefkasten – Geldgeschenke mit gerade mal 7,5% Verzinsung kann sich heute schließlich kein Banker mit einem Minimum an lebensstandardisierter Sportwagenwürde leisten. Das macht auch für die Geschäftsinhaber die Überzeugungsarbeit schwerer. Es gilt, auch teurere Produkte an den Kunden zu bringen, und wenn der nicht mehr so leicht in die eigene Verschuldung fallen kann wie früher, muss ihm die Notwendigkeit des Besitzes eben noch stärker vor Augen gehalten werden.

In manchen Fällen ist das einfach. Der neue Slogan für eine alkoholfreie Sektmarke im Fernsehen geht direkt ans emotionale Großhirn: “Dazugehören. Rotkäppchen alkoholfrei.” Na also, geht doch. Mit einer Flasche lauer Kohlensäureplörre ist man also sofort mittendrin im Saufzentrum unserer Gesellschaft. Da man ja auch ohne Alkohol eine Menge Spaß haben kann, ist es einem schnurzepiepegal, wenn die neue, ausufernde Freundesclique mit zunehmendem Abend verbal perforierter wird und man selbst auf dem Trockenen sitzt. Zur Not kann man sich am Grillabend ja immer noch mit einem ebenfalls nüchternen Tofuwürstchen unterhalten, das eine gelben Sack für seine “Schmeckt wie Salami”-Plastikverpackung sucht.

In anderen Fällen ist es deutlich schwerer, potentielle Kunden von der Unabdingbarkeit und universellen Einsatzfähigkeit eines Produktes zu überzeugen. Brilliantringe zum Beispiel. Selbst die Liz Taylors und Gerhard Schröders dieser Welt brauchen, möchte man meinen, nicht allzuoft einen kissengepolstertes Klunker vom Gegenwert dreier durchschnittlicher Pärchenmonatsmieten. Ein Trierer Juwelierladen straft dieses Vorurteil jetzt Lügen. Zwar möchte man von mit dem neuen Alltagsluxus noch nicht allzu ofensichtlich hausieren gehen und versteckt das kleine selbstgeschriebene Werbeschildchen etwas verschämt im Innenraum. Aber an Deutlichkeit lässt man es dann doch nicht fehlen:

“Ein Brilliantring, das Geschenk für alle besonderen Lebenslagen:
Freundschaft, Verlobung, Heirat, Geburt, Scheidung ;-)”

Bevor mich nun aufgebrachte Kommentare von tausenden, auf korrekte Zitation pochenden, Lesern meines Blogs erreichen: Ja, der Smiley ist Original. Der kleine subtile Hinweis des Schmuckkomikers: IS’N SCHERZ! SPAAAAAAAAAAAAAASS!! Haha. So ‘ne Scheidung ist ja auch mal Kichern wert. Und wer den Werbezettel dennoch ernst nimmt, der kommt zumindest auf die richtige Schlussforderung: Einen Brilli kann man immer brauchen. Einfach der besten Freundin oder dem frisch geschiedenen Ex-Herzblatt in einem Glas spritlosen Rotkäppchensekt präsentieren, und schon gehört man doppelt dazu.

Wem das ein zu optimistisches Schlusswort ist, dem sei der Umkehrschluss ans Herz gelegt: Wer bis zum Ende des Jahres keinen Brilliantring am Finger trägt, ist entweder nicht geschieden, verheiratet oder verlobt – oder hat keine Freunde.

Selbst Kritik!

Paula 04.09.2009

Man muss sich nicht in enervierenden christlichen Internetforen herumtreiben oder Interviews mit Kai Dieckmann lesen, um festzustellen, dass Selbstkritik noch nicht bei jedermann angekommen ist. Viel spannender als die Frage, wo das leuchtende Banner der eigenen Infragestellung einmal aufmerksamkeitswirksam aufgestellt werden sollte, ist diejenige nach seiner Herkunft. Nicht alles, was ich mache, ist geil – ein harter, ein mutiger Satz. Aber wann fiel er zum ersten Mal? Spannende Antworten wären zu erwarten, würde man die eingangs genannten Personen(gruppen) nach ihrer Meinung fragen. Die bibelfesten Onlinedisputanten, kraft ihrer selbstgezimmerten Auslegungswahrheit jahrelanger Primärlektüre, die durch das Lesen von Anselm Grün-Geschenkbändchen widerspruchslos abgesichert wurde, würden natürlich auf Adam und Eva verweisen und einiges spräche für sie: Wie das gefallene Paradieskind und sein rippchenhaftes Sexualobjekt nach dem kräftigen Haps in den Apfel (das hat man nun von der Zahnpastawerbung!) so auf dem unkrautüberwucherten, steinigen Acker stehen, vertrieben aus dem Garten Eden, angekommen im harten Leben – das ist durchaus ein Bild, welches von einem kräftigen Biss in den eigenen Hintern und den des Gegenübers gefolgt gewesen sein könnte. Selbstkritik als erste kognitive Regung nach dem Sündenfall – sooo viel früher wäre historisch nun wirklich nicht gegangen, wenn man Gott als Unfehlbaren mal außer Acht lässt. Zufrieden mit dieser frühem Fund würden sich die Christenvertreter in ihren Diskussionsrundensessel zurücklehnen und hätten wieder mal alles richtig gemacht.

Jaaaaaa, würde dann aber Kai Dieckmann einwenden, sein schönstes Bugs Bunny-”Pöh!”-Gesicht aufsetzen und sich dunkel an seine kurze Studienzeit erinnern, in der er noch Journalist werden wollte: Damit hätten wir das Warum (Sündenfall), das Wann (Post-Paradieszeit), das Wer und grob auch das Wie geklärt…aber was ist mit dem fünften W, dem Wo? “Auf der Erde” kann’s ja wohl nicht sein, mit solch ungenauen Angaben generiert man heutzutage keine Skandaltouristen und Hexenjagden mehr. Ein bißchen spezifizierter sollte es dann schon sein, und wer sich wie ich aufgrund einer längeren Autofahrt durch die nationale Nachbarschaft einmal mit den Verkehrsreglements des Auslands näher auseinandersetzen musste, wird Kai D. (45) auch eine Antwort geben können: Der erste Fall von Selbstkritik muss in Österreich stattgefunden haben.

Es dürfte schwierig sein herauszufinden, ob Adam und Eva nun eher in der Alpenregion des Landes oder in einem schnieken Wiener Vorort standen, als sie sich gegenseitig an die Hintern gingen. Fakt ist jedoch, dass die österreichische Mentalität, trotz aller Bestimmungen und Bemühungen immer noch das Gefühl zu haben, viel zu wenig zu tun, eine späte Nachwirkung des großen Schlangen-Crashs sein muss. Und das, obwohl man selbst im kontrollgenauen deutschen Ausland von den Sonderbestimmungen der Ösis noch was lernen kann: Eine Sicherheitsweste im Innenraum des Autos ist Pflicht: Wer sich das orangene Must-Have bei einem Unfall erst außerhalb des Fahrzeugs überstreift, hat schon verloren. Ebenso derjenige, der 80 Meter vor oder nach einem Bahnübergang überholt. Eine beunruhigende Entscheidungsfreiheit hat ein österreichischer Polizist, wenn er einen Fahrer mit mehr als 0,5 Promille erwischt: Die Geldstrafen reichen von 218 bis genau 3.634 Euro. Und selbst ein Vorfahrtschild ist in Österreich kein Freifahrtschein: Wer an einem Vorfahrtsschild anhält, weil z.B. ein rechts anbrausendes Autos verunsichernd spät abbremst, verliert die Vorfahrt. Wenn’s dann kracht, tut es das für den eigenen Geldbeutel. Wer bei einem Unfall die Polizei nur zur ollen Beweissicherung antanzen lässt, ohne dass wenigstens eine (sichtbare?) Verletzung vorliegt, zahlt eine “Blaulichtgebühr” von 36 Euro. Andere Regelungen können ob ihrer Komplexität nur zitiert werden: “Die Benutzung von Spikereifen (max. 2 mm) (Höchstgeschwindigkeit Landstraße 80 km/h / Autobahn 100 km/h) ist für Fahrzeuge bis 3,5 t zGG und mit typengeprüften Stahlgürtelreifen auf allen Rädern, die den genormten Spikesaufkleber am Heck angebracht haben ( bei OEAMTC erhältlich), nur im Zeitraum 15. November bis zum ersten Montag nach dem Ostermontag erlaubt.” Puh.

Und während sich der deutsche Österreichurlauber noch rauchend im Sessel zurücklehnt und in stummer Ehrfurcht nur noch die “weiteren nützlichen Hinweise” eines Ferienanbieters liest (”Die Alpenstraßen sind vor allem auf Nebenstrecken teilweise einbahnig, reich an Kehren und erfordern oft überdurchschnittliches fahrerisches Können.”), ist das dem Österreicher alles noch nicht genug. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) weist seine eigenen Landsleute auf seiner Seite darauf hin, dass in anderen Ländern “viel strengere Verkehrsregeln” gelten als man selbst es gewöhnt sei. Martin Blum, nominell so allerweltsverbreitet wie der deutsche Kevin Müller, und durch undurchsichtige Verfahren zum “VCÖ-Experten” aufgestiegen, hätte sooo gerne von (fast) allem mehr: Höhere Promillegrenzen, höhere Geldstrafen,  dafür aber niedrigere Höchstgeschwindigkeiten. „Aus Sicht der Verkehrssicherheit wäre auch für Österreich auf Freilandstraßen Tempo 80 vernünftig“, suhlt sich Blum beispielsweise in rapider Selbstkritik, oder “Auch für Österreich wäre es sinnvoll, wenn „Don’t drink and drive“ nicht nur ein Slogan, sondern gesetzliche Regelung wäre.” Wer dann noch die Selbstanklage rechts liest, in der per Teaser auf sinnvolle Tipps für das “Fahrtziel Natur” hingewiesen wird, weil die am häufigsten gewählte Anreise mit dem Auto viel zu viel Abgase und Lärm produziere, der möchte die Ösis am liebsten in den Arm nehmen und sie vom konkurrenzgebeutelten Blick aufs europäische Ausland abhalten: Konzentriert euch doch auf euch selbst!, möchten wir rufen, ihr macht das schon super! Gott liebt euch auch so! Ach ja, und: Lest die BILD-Zeitung, wenn ihr zu uns nach Deutschland kommt! Schon wären alle Beteiligten ein bißchen (selbst)zufriedener.

Das Wort ist das Ziel

Paula 20.07.2009

Nie ist die Tempuswahl so wichtig wie beim Reden übers Hier und Gestern. Sätze und ihre artverwandten Versatzstücke, die in irgendeiner Weise mit “Nenene, wat war das noch schön, als…” beginnen, erfordern auch im weiteren Verlauf der Gesamtaussage mit unbedingter Notwendigkeit das Präteritum, sollen sie nicht mit semantisch tödlicher Bumerangwirkung auf den gesellschaftlich zurecht interpretierten Charakter des Sprechers zurückfallen – ein in “Deutsch als Fremdsprache”-Kursen unverständlicherweise vollständig vernachlässigter Aspekt der Wissensvermittlung. Dabei wird sich die assimilationsambitionierte Ausländerseele neologistisch kaum in unserem Land zurechtfinden, wenn sie nicht hinter die Oberfläche einer Sprache zu schauen lernt, deren Formen- und Bedeutungsreichtum beim häufigeren Besuch im BILDungsbereich des deutschen Printwesens nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Und so ist die teppich- und polstermöbelgeschwängerte Faulheit des Deutschen, nach außen gerne als “typical german gemütlischkeit” verkauft, mit dafür verantwortlich, dass temporale Sprachregeln außer acht gelassen werden – mit mitunter fatalen Folgen.

Man halte sich vor Augen, was passiert, wenn der zweite Teil einer “Nenene, wat war das noch schön, als…”-Aussage nicht mit einem Präteritum weitergeführt wird und danach schließt, sondern unter Umständen mit dem Konjunktiv weitermacht. Semantisch verknüpfte Folgesätze wie “Was wäre das schön, wenn nochmal..” oder “Wir sollten das wieder…” entlarven den Redenden als steinzeitlichen Spießer und zerstören unwiderruflich den Nimbus der Nostalgie, der nur ohne jeglichen Gegenwartsbezug zu strahlen beginnt. Letztlich ist Nostalgie das beglückte Schwelgen in Dingen und Zuständen, die nur zu ihrer Zeit und mit der Patina des Vergangenen wirklich schön waren; sie profitieren von der Tatsache, dann existiert zu haben, als wir vermeintlich uneingeschränkt glücklich waren. Tief in unserem Innern erkennen wir den Schwindel, und so muss der nostalgisch verklärte Blick zurück in jedem Fall auf halbem Weg in der Vergangenheit stehen bleiben, denn mit Haut und Haaren und allem, was dazugehört, wollen wir uns dann ja doch nicht ins Ewiggestrige stürzen.

Gut zu beobachten ist das zum Beispiel beim Schauen alter Filme, in denen wie aus einem Geschichtsbuch plötzlich Postkutschen, Affenschaukel-Frisuren und Telefone mit Wählscheibe durchs Bild huschen. Nenene, wie schön….aber welch ein Glück, mit normaler, handyfreundlicher Pferdeschwanzfrisur Mails verschicken zu können. Und apropos Mails: Beim Happy End-garantierten Liebesgeschmöker á la “E-M@il für dich” denkt man auch an erste Internetzeiten zurück, als der Rechner noch Einwahlgeräusche machte, und wo Aussagen wie “Du wirst es nicht glauben, aber ich habe einen Mann übers….Internet kennengelernt!” durch eine durchschnittliche Standesamtkundschaft konterkariert wurden, die den Cybersex vor dem ersten handwarmen Körperkontakt in der kinoeigenen Popcorntüte hatte. Das kann man unromantisch finden, doch die WLan-Highspeed-Flatrate macht so einiges wieder wett. Wer an dieser Stelle präteritum-missachtend die Nerven verliert und sich in alte Zeiten zurückwünscht, muss sich nicht wundern, wenn er schon bald als Dampfmaschinen-Fundamentalist verschrien ist. Tempusregeln kennen kein Erbarmen.

Eine menschliche Ausnahme kennt diese Regel: Social networks, eine durchaus kritisch zu sehende moderne Form des Freundschaftsbüchleins. Ständig läuft man hier Gefahr, von arroganten Ex-Liebschaften früherer Tage entdeckt und in enervierender Weise verbalpüriert zu werden – und schwupps ist er raus, der Gedanke “Nenene, wat war das schön, als es das noch nicht gab und man Kontakte einfach abbrechen konnte. Ich wünschte…” Auch aus dieser Krise gibt es jedoch einen Ausweg. Nicht die Aussage “Ich wünschte, das gäbe es nicht” führt hier zum gesellschaftskonformen Erfolg, sondern eine wohl gesetzte Personalisierung, die gerne auch mit starkem und semantisch inkomplexem Vokabular aufwarten kann. Denkbar wäre beispielsweise die spannungsgeladene Mischung aus lupenreinem Konjunktiv Präteritum und populistischer Adverbialkonstruktion: “Ich wünschte, du wärest nicht so ein Arschloch.” Nicht nur temporal, sondern auch rektal hat die Sprache für alles eine Lösung.

Künstlernamen

Paula 05.06.2009

Was schon Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst wusste, erlangt in der heutigen Zeit räudiger Aufmerksamkeitsgenerierung um jeden Dschungelcamp-Preis neue Aktualität: Frustrierender als je zuvor wird deutlich, dass nicht jeder, der für Geld und/oder eine Sekunde im Hintergrundstandbild der Oliver Geissen-Show mit allen Kabelträgern von RTL den Kunstflokatiteppich der Mitarbeitertoilette rocken oder für einen kurzen Moment millionenäugiger Wahrnehmung barbusig und mit einem Werbeaufkleber auf dem Hinterteil klebend durch das Studio von Sonja “Die 10 größten Gageinlagen in deutschen Privatsendershows” Zietlow laufen würde, die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Wo früher das Hochschlafen oder Überbordwerfen jeglichen Schamgefühls noch als Garant kurzfristiger Schmierenpopularität galt, prangt heute die gähnende Leere übersättigter holländischer Skandalformate, die das Fernsehprogramm in eine bunte Burleske überraschend gradliniger Verdummung gestürzt hat und jeden Medienkritiker an die gute alte Zeit zurückdenken lässt, als das Aufstellen von 10 Kameras in einem Blechcontainer noch das einzig grenzwertige Showkonzept war, über das es zu sprechen galt.

Und in diesen Zeiten der vollkommenen Unsicherheit und des Wegfallens der für Millisekunden sicheren Bildschirmpopularität für die Mediengeilen dieser Welt rückt diese Wahrheit Sophie Auguste Friederikes wieder in den Vordergrund: Ohne Künstlernamen bringt man es zu nichts. Gerade wer zum Hochschlafen nicht gerade einen russischen Zarensohn zur Hand hat oder sich als erfahrenene Vermarkterin dessen Mutter heranziehen kann wie die gute Sophie, ja, wer ohnehin wie unsereins in den hiesigen Breitengraden das Pech hat, für das Berufsbild “AlleinherrscherIn” einige Jährchen zu spät dran zu sein, hat sehr schnell schlechte Karten für die große Popularität, selbst dann, wenn man sie nur einmal kurz zur Hand haben will.

Nun ist dank Sophie der für Frauen wohl klingende Künstlername Kathrina die Große ohnehin schon vom Markt. Und die Frage muss erlaubt sein, ob eigens zugelegte Namen, um in der heutigen Welt wenigstens bis zum Kauf der Single/Autobiographie/Bettwäsche bei den Konsumenten im Kopf zu bleiben, nicht enger mit dem eigenen Tun in Verbindung stehen sollte. Das ist in den klassischen Bühnenmetiers natürlich schwierig. Sich als Möchtegern-Sängerin “Harmony Girl” oder “Blues Brigitte” zu nennen, entbehrt nicht einer gewissen Komik – wobei auch dies ja kalkuliert sein kann. Aber auch Schauspielernamen, die in den momentan angesagten Vampir- und Knutschromanverfilmungen populär sein könnten, “Anämie-Anna” oder “Sauger-Sonja” zum Beispiel, wirken eher wie billige Spiderman-Widersacher und scheinen ungeeignet, um selbst im schnellebigen Glitzerkosmos zwischen den Werbepausen wahrgenommen zu werden.

Ein Ausweg bietet offensichtlich der inidsche Markt, seit “Slumdog Millionaire” begehrter Querverweis in der Analyse der modernen Medienszene. Die dortige Namensgebung hört sich für das europäische Ohr ohnehin so an, als hätte ein computergesteuerter Silbengenerator auf dem Krankenhausflur der Neugeborenenstation gerade Schluckauf gehabt und deutlich zu viele Wortteile auf ein kleines Papierchen ausgedruckt, das von den frischgebackenen Eltern als Vorname ihres Babys aufs Amt getragen wurde. Dadurch ist jeder Inder automatisch für den Fall der sprichwörtlichen Fünf Minuten-Berühmtheit gerüstet – der eine mehr, der andere weniger.

Eindeutig mehr ist dies diejenige Gerichtsmedizinerin, die beim – natürlich “tragisch” betitelten – Tod des US-Schauspielers David Carradine obduzieren musste. Wie die “Welt” heute in gewohnter journalistisch-erhabener Neutralität berichtet (Überschrift: “Rätselhafter Tod: Kam David Carradine bei Sexspielen ums Leben?”), gehen die Behörden davon aus, dass die Leiche des 72jährigen nicht durch Selbstmord oder Gewaltverbrechen stranguliert mit einer Vorhangkordel in den Hotelschrank gekommen ist, sondern durch einen “Unfalltod”. Von einem “selbstverschuldeten Unfall beim Liebespiel”, spricht die Gerichtsmedizinerin: “Er starb, nachdem er sich selbst befriedigt hatte.”

Na also, geht doch. Solche Aussagen brauchen wir auf den “Aus aller Welt”-Seiten am Ende unserer Tageszeitung, sowas bringt Aufmerksamkeit. Nicht auszudenken, wenn dies eine britische Gerichtsmedizinerin mit dem Namen Susan Smith gesagt hätte, oder eine chinesische Lu Wang. Weg, fort, vergessen wäre der Name gewesen, den man bei abendlichen Klatschveranstaltungen doch zum Beweis der eigenen Belesenheit unbedingt einstreuen muss (”Übrigens sagte die Gerichtsmedizinerin XY, David Carradine sei bei obszönen Pornodrehs ums Leben gekommen!”). So war es aber eine indische Gerichtsmedizinerin mit dem klangvollen Namen Porntip Rojanasunan. Zu schön, um wahr zu sein und zu toppen eigentlich nur noch durch einen Nachnamen, der den Begriff Gang-Bang inderspezifisch unterzubringen gewusst hätte. Aber wir wollen nicht maßlos erscheinen. Die nächste Dinnerparty ist zumindest gerettet.

Und falls Frau Porntip ihre plötzliche nominale Berühmtheit (die, dies sei auch in dieser Literaturform als Beisatz angemerkt, schon seit ihrem Einsatz bei der Tsunamikatastrophe in den Westen übergeschwappt ist) bei einer Aussiedlung nach Europa doch hinderlich vorkommt, kann sie beruhigt sein: Der umgekehrte Weg hin zu Silke Musterfrau-Namen ist immer der einfachere. Katja-Nora Baumgärtner wäre beispielsweise frei. Die nennt sich heute Dolly Buster.

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