Boah, Alter!

Paula 24.04.2009

“Nein, du bist nicht alt!”

Wer sich diesen Paradesatz kalkulativer Autosuggestion in regelmäßigen Abständen am frühen Morgen vor dem Badezimmerspiegel aufsagt, während er zeitgleich durch zahlreiche kosmetische Kniffe versucht, der offensichtlichen Unwahrheit eben dieser Selbstbeweihräucherung optisch entgegenzuwirken, weiß, dass er in der ersten gravierenden Lebenskrise angekommen ist. Zu schämen braucht er sich dafür nicht, schließlich kann man mit der Züchtung körper- und seeleneigener Gram gar nicht früh genug anfangen, und die Psychologie versorgt uns diesbezüglich mit einer Vielzahl alltagskompatibler Theorien, mit der man im entfernten und uninteressierten Bekanntenkreis mit bierschwerer Zunge immer wieder auf die Berechtigung seines temporalen Unwohlseins hinweisen kann (Stichwort “Quarterlife-Crisis”).

Doch der Mensch ist nicht die Zahl allein. Deshalb haben seit jeher weltgeschichtlich bedeutende Ereignisse herhalten müssen, um sich unter dem Fokus, wer was “noch” oder “schon” miterlebt hat, den Altersunterschied des Gegenübers zu vergegenwärtigen und im Zuge dieser Kalkulationen eine gewisse Befriedigung ob des eigenen Kleinkindstatus’ zu empfinden. Was bei meiner Elterngeneration so etwas wie der 2. Weltkrieg war, den man mit dem Aussehen des Gegenübers abglich und seine Rückschlüsse zog (wahlweise: “Deshalb ist der so dünn – im Krieg geboren. Jaja, bei dem geschädigten Stoffwechsel setzt bei dem/der natürlich nix an!” oder “Deshalb ist die/der so dick – Mangelversorgung im Krieg, die/der frisst jetzt natürlich alles, was ihr/ihm unter die Finger kommt!”), zeigte sich in meiner Kindheit erst im Teeniealter, als sich bezüglich des Musikgeschmacks die Spreu (70er Jahre Rock) vom Weizen (HipHop) trennte. Ansonsten zählte das Geburtsjahrzehnt – eine der wenigen Momente, wo man auf die 80er stolz sein konnte –, um sich in Abwendung der 70er-Gruftis zu profilieren. Man war so erwachsen und doch noch so jung, die Welt lag einem nach bestandenem Führerschein zu Füßen – herrlich. Warum nur blieb sie danach nicht stehen?

Heute wird man in beunruhigender Häufigkeit mit 90er-Jahrgängen konfrontiert, die nicht nur aus den Brabbelniederungen zur syntaktischen Höhe (fast immer) vollständiger semantischer Einheiten aufgestiegen sind, sondern auch schon Abitur machen und den Mauerfall nur aus Archivaufnahmen kennen. Mit dem Quarterlife-Crisis-Buch auf dem Nachttisch muss man sich nun selbst mit der Bitte in den Schlaf weinen, dass durch genmanipulierenden Waffeneinsatz alle Menschen am nächsten Tag auf dem gleichen, dem eigenen, Stand sind – und das bedeutet, das erste Lebensviertel bereits hinter sich zu haben und des öfteren mit hämischem Grinsen auf die unerbittlich näherrückende 30 angesprochen zu werden. Doch stattdessen werden alle Ikonen der eigenen Jugend demontiert und so dem Vergessen preisgegeben: Kohl schon lange abgewählt, Johannes Paul II. tot, Herr Mehdorn mit dem Vornamen “Bahnchef” zurückgetreten. Menschen, die sich ihre Medienpräsenz aus unserer Jugend in die heutige Zeit hinübergerettet haben, werden von den Teenies entweder ausgelacht oder befinden sich bestenfalls auf großer “Reunion”-Tour, feiern ihr “Comeback” oder “wollen es noch mal wissen” – was immer wenig ehrfurchtsgebietend nach Mottenkiste und Zombietum klingt. Und immer häufiger hör man sich selbst Sätze sagen, die irgendwie mit “Kennt ihr eigentlich noch…?” beginnen. Das Alter hat begonnen.

Und nun das: Am Montag feiert der Gameboy seinen 20. Geburtstag. Auch er ist in die Jahre gekommen, und der triumphierende Ausruf des familieneigenen Neffennachwuchses “Kenn ich auch!” tröstet einen so gar nicht, wäre es doch vergleichbar mit Bismarck, der bei einem Gespräch über den Transrapid mit wissendem Lächeln berichtet, auch er hätte die Eisenbahn noch erlebt. Was man mit seinen Neffen teilt, ist nicht die Erinnerung an einen recht schweren, rechteckigen grauen Apparat mit Minibildschirm, auf dem mit eigentlich nervtötender Unendlichkeit hochfrequente Monosounds aus kleinen Lautsprecher drangen. Dass Super Mario rote und sein schlaksiger Bruder Luigi grüne Latzhosen trugen, wusste man nur aus der gleichnamigen Zeichentrickserie im Fernsehen und unsere Schwertkämpfe bei “Legend of Zelda” waren darstellerisch noch von angenehmer Realtitätsfremde.

Nun also der 20 Geburtstag. Man fragt sich, ob man ihn feiern soll, “erfolgreichste Handheld-Konsole aller Zeiten” hin oder her. In die 120 Millionen verkauften Exemplare zählen schließlich schon die “Game Boy Advanced” mit, diese Miniaturausgaben in bunten Regenbogenfarben, die mit der Hälfte an Batterien dreimal so lange liefen, und die jetzt angesichts von Playstation, Wii und das Nintendo DS auch schon den Schauplatz angeregter Videospielunterhaltung resigniert verlassen haben. Vielleicht feiern wir den Geburtstag trotzdem – und markieren im Geburtstagskalender schon die Jubeltage von anderen alten Bekannten. Wo hab ich nur mein Stickeralbum hingelegt?

Affenstarker Konsum

Paula 18.04.2009

Jeder halbwegs normale Süchtige in der Prä-Beratungsstellenphase wird es den Herren Wirtschaftsministern bestätigen:  Krise kann nur durch Konsum bewältigt werden. Da nützt es nichts, mit dem entpersonifizierten Zeigefinger ins Dunkel zu zeigen in der Hoffnung, dass ein finanzstarkes und scheckkartenaffines „man“ auftaucht, das mal unbedingt mehr kaufen müsste. Vielmehr sind wir alle gefragt, am erneuten deutschen Ruck mitzuschieben, jedenfalls insofern wir uns angesichts streikbereiter Arbeitermassen und prekariatsporträtierter „Raus aus den Schulden“-Familien noch Menschen schimpfen wollen. Und da man sich irgendwann im 20. Jahrhundert dazu entschlossen hat, bereits  Kleinkinder als Menschen zu betiteln, müssen die jetzt eben auch dran glauben. Mit dem gerade erst verwundenen Teletubbi-Trauma im Rücken, das den Schnullershoppern schon mit wenigen gebärmutterfreien Jahren den Status „Neue Zielgruppe“ verpasste, werden die heranwachsenden Kinderkartenkiddies jetzt mit dem Gedanken konfrontiert, dass ihre jüngeren Geschwister, die Nabelschnur noch halb am Bauch hängend, nun auch zum Konsumvolk gezählt werden, und das nicht auf einem zumindest babynahen Markt der Aufstoß-Deckchen und Milchlätzchen, sondern – deutsche Kinder sind eben doch Genies – auf dem Zeitschriftenmarkt.

So erscheint am 20. April PIPPO in den Kioskregalen, das erste Magazin für Ein- bis Dreijährige. Einmal im Monat kann sich die heranwachsende Literaturelite hier ihren altersspezifischen Themen widmen: Affen und Syntax. Das verspricht jedenfalls die Homepage der neuen Pampershelden den besorgten Eltern, die hier vielleicht eine Überladung ihrer kleinen Genträger mit für sie unwichtigen Wissensgebieten befürchten: „In den ersten drei Lebensjahren lernt Ihr Kind sprechen und die Welt verstehen – Affe PIPPO und seine Freunde helfen ihm dabei. Die von Pädagogen entwickelte Reihe fördert Sprache, Fantasie und Kreativität. Auf 24 Seiten entdecken Kinder die Welt und lernen mit jeder Ausgabe neue Wörter und Themen kennen.“ Wunderbar. Und damit Mama und Papa nicht das Gefühl haben, für ihre gesamten nachwuchsbezogenen Monatsausgaben im Finanzwert von zwei Wochen Luxusurlaub auf den Seychellen keinerlei knuddelfaktorische Gegenleistung mehr zu bekommen, weil das undankbare Pamperspack nur noch am Wimmelbilder gucken und Affengeschichten lesen ist, gibt es im neuen Heft auch die Seite für Eltern, wie der family-infoport mit bedeutungsschwangerem Formulierungsgeist zu berichten weiß: „Jedes Heft widmet sich einem wichtigen Thema, das Eltern und Kinder beschäftigt. Zum Beispiel behandelt PIPPO in einer Ausgabe den selbstständigen Gang zur Toilette.“

Bei solchen alltäglichen Pflichtthemen kann zweifellos jeder von jedem lernen. Und falls nicht, bietet der Verlag schon das Aufbaumagazin für Post-Pippos ab drei Jahren an. Sinngebender Titel: „Hoppla“.

http://www.pippo-magazin.de/pageflip/pippo_online_durchblaettern.html

http://www.familie-infoport.de/details.php/50564

Katholisches Roulette

Paula 16.04.2009

Wer als Kind jemals Zucker auf dem Fußboden verteilt hat, um das künstlich erschaffene kristalline Chaos rechtzeitig vor erziehungsberechtigter Sichtung wieder aufzusaugen, der kann unter Umständen nachvollziehen, wie sich die papsttreuen Katholiken gestern mittag auf dem Petersplatz in Rom gefühlt haben. Nichts ist schließlich so befriedigend wie bewusst begangene und genossene Fehltritte, die mit sofortiger Wirkung wieder ungeschehen gemacht werden können. Daher konnten die Touristenpilger frohen Mutes ein gutbürgerliches “Happy Birthday” anstimmen und damit sämtliche Unheilschleusen öffnen, die das Schicksal für zu früh ausgesprochene Geburtstagsglückwünsche so parat hält. 82 wird Ratzi nämlich erst heute und hätte damit allen Grund gehabt, das päpstliche Weihwasser lieber über die mit den ersten Frühlingsmücken versaute Frontscheibe seines Papamobils zu schütten als über die Häupter seiner schadenfroh abwartenden Trällerschäfchen, die sehenden Auges Katholisch-Roulette mit ihm und den Wundern seines neuen Lebensjahres spielten.

Alle vorgezogenen Ratzi-Gratulanten jedenfalls konnten nach ihrer Untat seelenruhig in die sieben Hauptkirchen Roms wandern, um sich einen Generalablass zu verdienen und ansonsten mal schauen, was stärker ist: Schicksalsmacht oder göttliches Stellvertretertum, das den Papst ja angeblich auch vor schwarzen Katzen und Voodoopuppen beschützen soll – “Wollen wir doch mal sehen!”, scheint man sich da in der Gläubigenmenge gedacht zu haben. So wird das nächste Jahr Ratzis zeigen, ob die Schicksalskanone gegen ihn abgefeuert wird.  Überliefert ist jedenfalls, dass er auf das Ständchen mit einem Lächeln und erhobenen Armen reagierte. Ob er auch ein weißes Fähnchen schwenkte, ist unbekannt.

Das Erstbeste

Paula 12.08.2008

In welchem Alter Chronos, der griechische Gott der Zeit, sein erstes Wort sprach und so die Chronologie aus der Taufe hob, ist bis heute ungeklärt. Ein Grund vielleicht dafür, warum die Chronologie, in ihren Ursprüngen bereits ungewiss und schwankend, sich bis ins Alltagsleben hinein, untergraben von nostalgischer Verklärung oder effektivitätsgeleiteter Verdrängung des Menschen, als Problemfall ent-lehrt. Nur in einem kann man sich in zweifelsfreier Sicherheit wiegen: Die Gleichzeitigkeit der Kritik. So ist jeder Erfinder in der glücklichen Lage, mit jedem Auswurf seines Genius, sei er nun ideell oder substanziell, Gedanke oder Gegenstand, zugleich eine zweite indirekte Erfindung vorweisen zu können: die Kritik daran. In diesem unmittelbaren Wechselspiel von Erfindung und Entgegnung liegt das Kräftefeld der gesellschaftlichen Stabilität; es fordert Meinungsbildung und Formulierung derselben heraus, ein Für und ein Wider, für das es sich zu entscheiden gilt – selbst dann, wenn die Gesellschaft selbst, wie es seit Menschengedenken, also Adam und Eva der Fall ist, am Pranger steht.

Nun ist auch das göttliche logos zeitlich nicht ganz klar zu datieren, womit zwischen göttlichem und chronischem Spracherwerb ein bislang zu wenig gewürdigter Zusammenhang gezogen werden kann – dies jedoch nur am Rande. Wichtiger ist an dieser Stelle der Hinweis, dass durch dieses Datierungsdesiderat auch die Gesellschaftskritik zeitlich nicht auf den Tag genau festgemacht werden kann. Dennoch dürfte sie eine der ältesten und virulentesten Kritiken sein, die bis zum heutigen Tag in ungebrochener Stärke die öffentliche Meinung dominiert. Wer nichts zu sagen hat, liegt mit Gesellschaftskritik immer richtig. Der moralisch erhobene Zeigefinger, vergleichbar mit dem BWL-Studium für unentschlossene Abiturienten oder Pralinenmischungen für ratlos Schenkende am Großmuttergeburtstag, ist ein Joker im Hemdsärmel des verbalen Drängers, dessen Gedankengänge noch nicht für den großen thematischen Wurf, wohl aber für gepflegte Kritik am Gebahren unserer Zeit ausreichen.

In der Folge kann diese mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen oder mit müdem Lächeln zwar registriert, aber als redundant verworfen werden. Kaum denkbar ist es jedoch, dass der Gesellschaftskritik selbst ihre Existenzberechtigung abgesprochen wird, vorausgesetzt, sie hält sich an die Regeln anderer Zeigefinger, die die Diskussionskonformität überprüfen. Ansonsten akzeptiert die Gesellschaft die Kritik an ihr, weiß sie doch um den chronologischen Ursprung ihrer Zwillingsschwester. Nur eines fordert sie ein, ebenso wie sie dies bei jeder anderen Form der Kritik tut: die Widerspruchsfreiheit. Die Stabilität des Kräftefeldes benötigt die Entscheidung, Für oder Wider, eine Meinung, die weder wohlformuliert noch innovativ sein muss, aber doch bitte eindeutig.

Hierin liegt einer der wesentlichen Gründe, warum Polit-Talkshows in der Vergangenheit noch stärker in den hiesigen TV-Kritiken attackiert wurden als von Beginn an (ja, auch hier greift die Regel): Klar formulierte Meinungen blieben zumeist aus. Nicht das heillose Durcheinander, die Hilflosigkeit der Moderator(inn)en und die immer gleichen Gesichter waren das hauptsächliche Problem, sondern die Fragezeichen über den Köpfen der Nation, die nach einer solchen Sendung bedrohlich an Ausmaß zugenommen hatten. Die Ungewissheit, welche Meinung die beteiligten Politiker nun wirklich vertraten und welcher man selbst am ehesten anhängen könne, kostete die entsprechenden Shows nach und nach Einschaltquoten, an deren letztendlicher Absturz man sich, chronologisch betrachtet, kaum noch erinnern konnte.

Ein Heilmittel scheint in der letzten Zeit die erneute Rückkehr zur Fundamentalkritik zu sein, die sich wieder an den alten Themen der Menschheit angliedert, um möglichst allumfassend die Zuschauerschaft zu binden. Und da sich weder Äpfel noch Schlangen oder Paradiese wirklich abendfüllend kritisieren lassen, muss eben wieder die Gesellschaft herhalten. “Hart aber Fair” versucht es morgen mit einer Sendung, die sich schon in ihrer Programmankündigung vor entrüstetem “Ja, genau!”-Kopfnicken des Zuschauers kaum wird retten können: Über die Bilder rennender, schwimmender und kämpfender Sportler fragt die besorgt-hintergründige Stimme aus dem Off “Doping ist Pfui – empört zeigen wir auf unsaubere Sportler. Dabei gilt in der ganzen Gesellschaft: Höher, schneller, weiter – um jeden Preis. Nachhilfe schon für Grundschüler, Aufputsch- und Beruhigungsmittel in Studium und Job. Welche Opfer muss man dafür bringen? Und wer kann es sich noch leisten, Leistung zu verweigern?” Ja, genau! Wer kann sich das noch leisten, fragt der ebenfalls besorgt-hintergründige Nichtsportler und erinnert sich seines eigenen medikamentösen Missbrauchs, der heute noch in Aspirin und Grippostad seine häßlichen Spuren im Medizinschrank hinterlässt.

Vor lauter Selbstbetroffenheit und reumütigen Spontanplänen zur Umkehr bemerkt der erwachte Gesellschaftskritiker beinahe zu spät, dass die Programmankündigung für den morgigen Abend schon nahtlos in die ARD-Eigenwerbung übergegangen ist, die sich natürlich der goldmedaillen-verdächtigen Olympiaübertragung widmet. “Schneller laufen, schneller springen, schneller kämpfen” ist dort zu lesen, gefolgt von dem altbekannten ARD-Logo und der Maxime “Erster sein”.  Das nennt man dann wohl rückkoppelnde Gleichzeitigkeit: Eine Kritik bringt zugleich auch die eigene Auflösung durch Zustimmung zu sich. Nicht widerspruchsfrei, aber chronologisch interessant, liebe ARD.

 

http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2008/20080813.php5?akt=1

Null komma nix

Paula 08.08.2008

Es ist Zeit für die Verteidigung des nur durch die apathische Glotzgegenwart der Massen legitimierten Angeklagten namens Privatfernsehen. Vor 20 Jahren noch der Li-La-Laune-Held des samstagmorgendlichen Kinderfernsehens, gepriesen von noch verschlafenen Eltern am Frühstückstisch, die dank pausenloser bunter Dauerbeschallung des Nachwuchses ihre eigene Koffeinverkostung ungestört vorantreiben konnten, und geliebt von Fans der holländischen Taubenromantik Marke Traumhochzeit oder den Anhängern amerikanischer Highway- und Weltraumdramatik, in der Goldketten-T aus dem A-Team und Spitzohren-Spock aus dem Raumschiff, Trapper John aus dem Krankenhaus und Brendonlina aus Beverly Hills für unfreiwillig komische Ordnung sorgen konnten. 

 

Doch Mitte der 90er änderte sich die öffentliche Meinung – das BILD-Prinzip (”Stell dir vor, eine Zeitung hat eine Auflage von 8 Millionen, aber keiner will sie selbst jemals gelesen haben”) fand seine Adaption im Privatprogramm. Nicht zuletzt das exponentielle Wachstum an den verschiedensten medienwissenschaftlichen Studiengängen, meist nur geeint durch ihren vergleichbar unkoordinierten Aufbau und desinteressierten Lehrapparat, führte zu aufdringlich oberschichtigen Diskussionen um das niedere Qualitätsniveau “der Privaten”, dem man sich nicht aussetzen dürfe; “Tagesschau”, “Monitor” und bestenfalls “Aktenzeichen XY…” waren die (zumindest nach außen getragenen) Sendungen, die man selbst angeblich im Fernsehen anschaute – ausschließlich selbstredend. Insbesondere bemängelte man die Oberflächlichkeit, das geistige Flachtauchen des durchweg boulevardistisch eingefärbten Plebejerprogramms, und wenn man denn durch unbedachte Äußerungen doch seine Kenntnisnahme gewisser Sendeformatdetails wusste, dann doch bitteschon nur deshalb, weil der Kulturteil der FAZ darüber berichtet hatte. Nun gut, und durch eigene Anschaunung…aber doch nur zum kurzzeitigen Gruseln ob der massenmediale Verblödungsmaschinerie, die tatsächlich zum Beifall angeregt hätte. Also die anderen.

Doch wo, fragt der fassungslose Intellektuelle seither, wo erfüllt das Privatfernsehen seine wahre Bildungspflicht? Wo werden die wichtigen Antworten der Gesellschaft gegeben? Man erwarte ja wirklich nicht zuviel, die Frage nach Sein und Bewusstsein hätten schließlich schon Faust und Marx geklärt, aber wo, bitte, seien die Antworten auf die politischen und kulturellen Umtriebe unserer Zeit? Wie habe sich eine Doppelnull wie Bush in den USA, eine korrupte Null wie Berlusconi in Italien oder eine gelbe Null…verzeihung, 18…wie Westerwelle in Deutschland politisch halten können? Wie ein Schnappi oder Schnuffel musikalisch (insofern man das Wort benutzen könne)? Und wieso durfte Lothar Matthäus einen Trainerschein machen?

Oder die Frage, die all dies im Innersten zusammenhält: Warum setzt sich das Mittelmaß vor die Spitze und die Pfeife vor die Trompete? Welche Existenzberechtigung hat ein Medium, das sich diesen existentialistischen Fragen nie stellt? Und – um die ketzerischen Einwürfe der Gegenpartei zu berücksichtigen – kann Etwas, das selbst eine Pfeife ist, die Pfeifenfrage überhaupt versuchen zu beantworten, obwohl es sich dadurch selbst die Luft abdrehen würde?

Allen diesen Gegnern seien ihre hinterlistigen Anschuldigungen an dieser Stelle um die Ohren gehauen. Denn in einem der allein durch Sonya Kraus’ regelmäßig zur Schau gestellten Oberweite privatesten aller Privatsender, Pro7, wurde im Nachmittagsprogramm eine Antwort auf alle obigen Probleme gefunden. Bei einer Umfrage nach der Lieblingszahl der Deutschen antwortete eine ältere Dame: “Die Null.” Mit der tiefsinnigen Begründung: “Weil sie sich mit allem kombinieren lässt.” Und das lässt sich anhand des Trainerhoppings von Lodda (unvergessen bleibt neben seinen offiziellen Stationen seit 2001/2002 ja das Traineramt für Borussia Banana) eindrucksvoll beweisen.

Danke Pro 7!

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