Die flüssige Weltformel
Paula 24.07.2008
Zu Liede getragene Philosophie, dies wird manchen promovierten Pop-Anhänger nur zu kopfschüttelnder Entrüstung bewegen, vermag manches allzu stark zu vereinfachen, was Gott, Bush und BILD – um nur drei der pointiertesten Meinungsmacher unserer Zeit zu nennen – doch zurecht etwas diffiziler dargestellt haben. Man stelle sich vor, nicht nur die Absolventen von Xavier “Mein Weg” Naidoos Mannheimer Popakademie, sondern schlichtweg alle aufgepumpten, popwellengeföhnten und durch den Harmonierecorder gejagten Musiker Sänger…ach nein, Künstler, Verzeihung, müssten sich vor diesem großen Denkertriumvirat verantworten – kämen sie da nicht ins Schwitzen? “Glauben Sie wirklich, dass man die Welt heilen kann, indem man ein Pflaster auf Afrika klebt?”, müsste Michael Jackson dann vielleicht George Bush jr. erklären, “was ist mit Krieg?” “Wenn man mit Pfefferminz Prinz werden kann, warum müssen wir dann noch Dauerwahlkampf für die CDU machen?”, würde die BILD nicht ganz zu Unrecht Marius Müller Westernhagen fragen und auf eine Rückkehr der Monarchie hoffen. “Und warum bin ich eigentlich DJ?!?”, wäre Gottes Einwand auf Faithless’ ABM-Aktion von 1998.
Bei konsequenter Vorzensur wäre nicht nur die dauerhafte Chart-Zeit von Menschen wie Herbert Grönemeyer und dem balladesken Thomas D. gekommen, die ihre intendierte Tiefsinnigkeit durch scheinbar zufällig aufeinandergestapelte Worttürme schon fast wieder konterkarieren, für Schöpfung, Irak-Krieg und Post von Wagner wäre auch keine Zeit mehr. Denn die drei obersten Pop-Richter hätten genug damit zu tun, den Bohlen vom Weizen zu trennen und zumindest die schlimmsten philosophischen Halbwahrheiten aus dem Toten Meer der Castingopfer, Eintagsfliegen und animierten Klingeltonverkäufer zu fischen.
Ruhezeit würde bei Gericht nur in den kurzen Sommermonaten herrschen, wenn sämtliche Regeln ohnehin außer Kraft gesetzt werden und jeder lächelnde Knackarsch, der zur Not ein Mikro halten und seine Lippen (im Gesicht) rhythmisch in gespieltem Playback bewegen kann, seinen dreieinhalbminütigen Videoclip mit anschließender Ballermann-Party bekommt. Kein Musikproduzent käme auf die Idee, ab dem Beginn der Badesaison überhaupt noch den Versuch gesellschaftskritischer oder philosophischer Reflexionen starten zu wollen…dies würde schon allein das spanische Wortkontingent von playa, fiesta und corazon übersteigen. Also wiegt man sich zum Samba di Janeiro in Macarena-Manier zum ritmo ragatanga und genießt echte Jojo-Action por la noche – vamos.
Dies galt jedenfalls bis jetzt. Doch wir wären nicht das Land der Dichter und Denker, wenn unsere jungen Künstler nicht auch das Sommerloch tiefgründig zu füllen versuchen würden. Gut, das Ganze tun Marquess auf spanisch, aber in ihren Worten zeigt sich der deutsche Geist, der in faust’scher Manier begreifen möchte, was die Welt im Innersten zusammenhält, ja noch mehr: Was die Welt ist. Und wir hören die Melodie, wir spüren den gedanklichen Durchbruch, wir merken die Weltformel, die sich da anbahnt und die nur dem Uneingeweihten, dem Emotionslosen und Flachgeistigen nicht offensichtlich ist, wir warten auf den Refrain, den Höhepunkt, die Erkenntnis, des Pudels Kern, die letzte Wahrheit und hören die Liedzeile: La vida es limonada. Fantastisch.
Und sofort kommt uns Goethe in den Sinn: “Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.” Wie recht er hat. Denn so ganz leuchtet die Enthüllung von Marquess beim zweiten Hören doch noch nicht ein – was selbstredend an uns liegen muss. Doch während wir den zugehörigen Versenkungstanz des Musikvideos nachahmen (sich ein Schnellboot an einer Mittelmeerküste zu mieten, um dort gelbes Zuckerwasser in durchsichtigen Plastikbechern zu schwenken, war nicht ganz einfach, doch was tut man nicht alles für wahre Erkenntnis), trifft es uns wie ein Blitz: Natürlich. Das Leben ist wie Limonade. Einfach Bamboocha.
Danke Marquess. Wir warten auf den Klingelton.


