Wer ich bin

Nicht jeder, der sich vordrängelt, ist Journalist.
Nicht jeder, der sich gerne reden hört, ist Museumsführer.
Nicht jeder, der Klosprüche korrigiert, ist Germanist.

Aber der Anfang ist schon die halbe Wurst.
Oder, um mir den Weg zur erfolgreichen Selbstdarstellung als tiefsinnige Philosophin durch das Zitieren einer Selbstverständlichkeit zu ebnen: Wer schaffen will, muss freundlich sein. (Theodor Fontane) Aber werfen wir doch einen Blick auf die Tabelle. Das ist nicht freundlich, aber ehrlich gewurstelt geschafft.

Juni 2000:
Ta-dah: Ich wurde in den Augen der intellektuellen Elite des Landes zum Menschen. Als zwar Autorückscheiben-unfreundliches, da zu langes, aber immerhin wahnsinnig gebildet klingendes Kampfwort wählte unser Jahrgang “ABI-ogenese”, was, nach Aussage einer biologisch versierten Mitschülerin (ja, liebe Kinder, solchen Menschen musste man in Zeiten VOR Wikipedia noch vertrauen!) die Entstehung neuen Lebens aus toter Materie bezeichnet. Laut Onlinelexikon gilt diese Auffassung heute als widerlegt. Na prima. Studieren durfte ich trotzdem.

Oktober 2000- August 2003:
Um mein Standbein in den Medien in der Tür zu behalten (Hommage an Heinz Erhardt, den König verwurstelter Sprichwörter), dachte ich, Medienwissenschaften sei ein prima Studienfach. Diese Vorstellung geriet nach der ersten Sitzung von “Einführung in die Medienwissenschaft” ins Wanken (Zitat des Professors: “Das Schwierigste für sie war, am Numerus Clausus vorbei überhaupt hier reinzukommen.”), war nach der zweiten Sitzung revidiert und lebte als blutleere Utopie noch zwei Jahre in meinem Hirn weiter. Dann beendete ich mein Dasein als Karteileiche und beschloss, erstmal ins Ausland zu gehen. Selbst die Komplimente bologneser Miniatur-Durchschnittsmänner erschienen mir ehrlicher als das weitere “MeWi”-Studium im fünften Stock B-Gebäude.

April 2004-Januar 2007:
Frisch bestärkt in meinem Glauben, dass tatsächlich jeder zweite Italiener Massimo, Giovanni oder Stefano heißt, kehrte ich nach Deutschland zurück und wechselte ins Lehramtstudium. Was den Vorteil hatte, auf die unbarmherzige Frage “Und was machste später damit?” eine Antwort zu besitzen. Leider Gottes auch den Nachteil, dass nach dem Ende aller nervenaufreibenden Anmeldeverfahren, die deutlich schlimmer waren als die Prüfungen (an dieser Stelle einen freundlichen Gruß an Herrn Fuchs, über den nicht nur ich denke, dass seine Machtdemonstrationen im Kreise von ihm abhängiger Studenten nur ein groß angelegtes Kompensationsprojekt für die von ihm selbst erkannte suboptimale Chancenhereingabe seitens des weiblichen Geschlechts sind), kein Titel auf mich wartete. Wo andere nun ein M.A. hinter ihren Namen setzen durften, schimpfte ich mich, je nach Stimmungslage “Germanistin” oder “Historikerin”. Um nicht zu werden wie Kaiser Wilhelm II. oder Herr Fuchs beschloss ich jedoch, keine verletzten Eitelkeiten aufkommen zu lassen. Es sollte ja weitergehen.

Seit Januar 2008:

Endlich hatte ich den Traumjob: Promovierender Freiberufler. Was klingt wie ein Urlaubstrip auf Balkonien, bei dem man zwischen Kreuzworträtseln und MTV-Zapping mal nebenbei ein paar Sätze in den Computer hackt, trifft nur für den Tag zu - nachts wird gearbeitet. Als Eulenarbeiterin, die sich erst nach dem Sonnenuntergang in der Form für hochwissenschaftliche Tätigkeiten fühlt, hat man den Respekt seiner Kollegen sicher, die um 11 Uhr abends das hellerleuchtete Bürofenster sehen. Und der Promotion ist es schließlich egal, wann sie geschrieben wird.

Wer nun Lücken im Lebenslauf entdeckt hat, besitzt entweder ungeahnte Kalendererfahrung oder ein gesunde Portion Wissbegierde. Für letztere sei gesagt: Ihr habt vollkommen recht. Zwischendurch und nebenbei arbeitete ich fünf Jahre lang als Hiwi, machte ein Aufbaustudium als Fachjournalistin, bewarb mich erfolgreich um den Job als Museumsführerin im Rheinischen Landesmuseum, verkaufe Bücher, schreibe Zeitungsartikel und pflege, wie es neudeutsch so wunderschön heißt, meine “social networks”, beame mich also von einer “Freundes”plattform zur nächsten. Denn auch das hat die Widerlegung der Abiogenese gezeigt: Wer sich faul und tot an der frischen Luft herumtreibt, bekommt Maden. Also: Immer in Bewegung bleiben!